• kleiner Wachrüttler

Darf ich vorstellen?: mein kleiner Wachrüttler

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“


Da sitzt er und schaut mich an – erwartungsvoll. Er will, dass ich mich endlich hinsetze, um diesen Blogartikel zu schreiben, denn schließlich geht es hier ja um ihn: meinen kleinen Wachrüttler.

Mein treuer und ständiger Begleiter seit meiner Diagnose. Er bringt mich zum Weinen, Verzweifeln und Schreien aber auch zu Dankbarkeit, Erkenntnis und Klarheit.



Anfangs wollte ich mich nicht mit ihm auseinandersetzen, habe ihn ignoriert und so getan, als wäre er nicht da. Habe ihn überspielt und mir und allen anderen etwas vorgemacht. Habe so getan, als wäre alles gut und die Starke gespielt.

Doch das fand mein kleiner Wachrüttler gar nicht gut und so rüttelte mich ein weiteres Mal wach – und zwar so richtig.


Da saß ich dann, vollkommen verloren und verzweifelt. Fragte mich, wie ich an diesen Punkt gekommen war. Was wollte er von mir? Diese Diagnose hatte einen tiefen Schatten geworfen, aber mein Wachrüttler war alles andere als schwarz. Er sieht freundlich aus, ist bunt und scheint für mich da sein zu wollen.

Doch warum ist er überhaupt hier? Wozu brauche ich ihn?


Je mehr ich mich hinsetzte, in mich ging, Tagebuch schrieb und zum Coaching ging, begriff ich, dass er mich auf den richtigen Weg bringen wollte. Denn irgendwie hatte ich mich verloren in den letzten Jahren. Ich lebte zwar mein Leben, doch war es wirklich MEIN Leben? War ich da, wo ICH sein wollte? Führte ich das Leben, nach dem ICH mich sehnte? Oder erfüllte ich eher die Erwartungen und Wünsche der Menschen um mich herum?

Hatte ich mich schon einmal WIRKLICH gefragt, was ich möchte?


So ganz konnte ich diese Fragen nicht mit JA beantworten – außer die vorletzte ...

Ich hatte eine wundervolle Kindheit, das kann ich nicht anders sagen, doch aus irgendeinem Grund hatte ich auch mit 26 Jahren noch das Gefühl, vor meinen Eltern Rechenschaft ablegen zu müssen, immer die brave und liebe Tochter zu sein, ja keine Probleme zu verursachen und das Leben zu führen, dass man halt so führt: Abi, Studium, Karriere, Hochzeit, Kinder, Haus, Garten ...

Bisher hatte ich das irgendwie immer so mitgemacht und nicht richtig hinterfragt. Ich hatte nicht in mich hineingefühlt und -gehorcht.

Wollte ich das alles? Wollte ich wirklich Dolmetscherin werden? Wollte ich zwei Kinder und ein Haus mit Garten? Wollte ich Teil dieses Hamsterrades sein?

Oder lag mein Glück ganz woanders?


All‘ diese Gedanken kamen ab und zu in meinem letzten Masterjahr an die Oberfläche, dich meine Angst und Zielstrebigkeit stopften sie ganz schnell wieder tief nach unten und gaben ihnen keinen Raum zum Atmen. Erst als meine Diagnose und damit mit kleiner Wachrüttler im Raum standen, war eine meine ersten Reaktionen ein Aufatmen.

Aufatmen, dass ich meinen Stress im Leben jetzt reduzieren darf. Aufatmen, dass mein Gefühl, irgendwie auf der falschen Spur zu sein, doch nicht so falsch war. Und Aufatmen, dass ich endlich mal diesen Perfektionismusdruck lockern kann.


Die Krankheit gab mir sozusagen die Erlaubnis zu all‘ dem. Doch wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es schon erschreckend und traurig, dass ich diese Krankheit dafür brauchte. Konnte ich mir das nicht alleine erlauben? Anscheinend geht es an diesem Punkt in meinem Leben nicht anders und genau deswegen ist der kleine Wachrüttler in mein Leben getreten.

Mit seiner verspielten und kindlichen Art erinnert er mich daran, das kleine Kind in mir wieder herauszulassen und das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Und mit seiner Buntheit führt er mir immer wieder vor Augen, dass das Leben ein kunterbunter Farbeimer ist und jede einzelne Farbe für etwas gut ist.


Er ist somit nicht nur mein Wachrüttler, der sofort zur Stelle ist, wenn ich mal wieder in alte Muster verfalle, die mir nicht gut tun, von meinem Herzensweg abkomme und nicht auf mich und meine Bedürfnisse achte. Sondern er ist auch mein Hoffnungsträger; mein Silberstreif am Himmel.

Václav Havel hat einmal gesagt: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Und das trifft ziemlich genau ins Schwarze: Ich weiß nicht, was passieren wird und wohin mein Lebensweg mit dieser Krankheit mich führen wird und schon gar nicht weiß ich, ob es „gut ausgehen“ wird. Doch ich weiß, dass ich durch und mit dieser Krankheit sowie meinem kleinen Wachrüttler wachsen soll und werde.


Denn bereits heute – fast neun Monate nach meiner ersten Begegnung mit ihm – bin ich mir selbst und meinem wahren ich viel näher als je zuvor. Und auch wenn der Weg noch lang und steinig ist, spüre ich, dass mein kleiner Wachrüttler ein Geschenk des Schicksals ist – wenn auch ein schweres Geschenk, dass ich immer mal wieder verfluche.


Somit ist mein kleiner Wachrüttler anfangs zwar ein ungebetener Gast in meinem Leben gewesen, doch mittlerweile weiß ich ihn sehr zu schätzen und sehe ihn als meinen inneren Freund, der mich oft besser kennt als ich selbst, der immer da ist und der mir ganz genau zeigt, wenn ich wieder einmal die Verbindung zu meinem inneren Kompass verloren habe.


Deshalb möchte ich dir, mein kleiner, lieber, bunter Wachrüttler, an dieser Stelle aus tiefstem Herzen danken. Ohne dich hätte ich mich nie auf diese wunderschöne Reise begeben, die oft scherzhaft ist und die ich manchmal nicht weiterverfolgen möchte, doch die die einzig richtige für mich ist.


Außerdem möchte ich auch dir, mein lieber Leser, danken, dass du diese Zeilen liest und ich hoffe sehr, dass auch du vom kleinen Wachrüttler ermutigt wirst, deinen eigenen und einzigartigen Weg zu beschreiten.

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©2020 by Julia Wagner