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Deine wahre Stärke liegt darin, Schwäche zu zeigen und Hilfe anzunehmen

„Menschen, die offen mit ihren Gefühlen umgehen, sind weder dumm noch naiv. Ganz im Gegenteil. Sie sind so stark, dass sie keine Maske brauchen.“ – Unbekannt


Heute ist der 30. Mai 2020. Seit letztem Jahr ist das für alle Menschen mit MS ein besonderer

Tag, denn es ist der offizielle Welt-MS-Tag. In diesem Jahr dreht sich alles rund um das Thema „Miteinander Stark“. In diesem Blogartikel möchte ich meine Gedanken dazu mit dir teilen.


Schon früh in meinem Leben dachte ich, ich muss immer stark sein


Meine Eltern haben mich schon sehr früh zu Selbstständigkeit erzogen. Und dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar. Denn sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Doch ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn ich etwas mal nicht alleine schaffe. Es ist ok, wenn ich jemand anderen um Hilfe bitte. Es ist ok, wenn ich mal keine Ahnung habe. Es ist ok, auch mal nicht stark zu sein.


Lange dachte ich, dass ich IMMER stark sein muss. Und dass „stark sein“ bedeutet, nicht zu weinen, alles alleine zu machen, unabhängig zu sein, keine Gefühle wie Hilflosigkeit,

Ahnungslosigkeit, Verzweiflung usw. zu zeigen …

Kurz gesagt: Ich dachte, dass ich immer schön nach außen hin eine Maske aufsetzen musste. Einer meiner häufigsten Sätze war: „Es ist alles gut.“ Und dabei war es egal, wie ungut alles in Wirklichkeit war, ob ich innerlich am Schreien oder Weinen war, ob mir die Tränen in den Augen standen, ob ich diesen unglaublich dicken Kloß im Hals hatte. Immer wieder und wieder sagte ich mir: „Hab dich nicht so und reiß dich halt mal zusammen!“.


So ging das jahrelang. Und ich fuhr damit auch ziemlich gut, erreichte viele Sachen, füllte meinen Lebenslauf mit tollen Praktika und Arbeitserfahrungen, hatte für Außenstehende eine glückliche Beziehung, hatte die vermeintliche Traumfigur und tolle Noten im Studium.

Doch in mir sah es ganz anders aus. In mir war ich so sehr mit mir am Kämpfen und wusste eigentlich, dass ich diese Maske nicht ein Leben lang aufrechterhalten und somit auch nicht aufbehalten konnte. Doch ich riss mich weiterhin zusammen.


Wenn der eigene Körper und die Seele einfach nicht mehr können


Irgendwann konnten dann mein Körper und meine Seele nicht mehr und zwangen mich dazu, loszulassen und mich mal nicht zusammenzureißen.

Durch meine Diagnose, Multiple Sklerose, wurde meine ganze Welt erschüttert, die ich bis dahin aufgebaut hatte. Auf einmal lag dieser Brocken von chronischer Krankheit vor mir und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.


Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich das nicht alleine durchstehen konnte. Und ich war so froh, dass ich meine Mama, meinen Papa, meinen Bruder, meinen Freund, Steffi und all meine Freunde um mich hatte, die jederzeit für mich da waren. Durch so eine Diagnose fühlt man sich auf einmal ziemlich allein und wenn die wichtigen Menschen im Leben für einen da sind, fühlt es sich schon gar nicht mehr so einsam an.


Krankheit als Lehrer


Meine Krankheit war und ist in so vielen Sachen mein bester Lehrer bisher. Sie zeigte mir, dass die wahre Stärke darin liegt, wenn man ganz offen Schwäche zeigen kann. Wenn man sich nicht immer zusammenreißt, sondern auch einfach mal zeigt, dass man traurig ist, nicht mehr kann und Hilfe braucht.


Wenn ich nicht gelernt hätte, nicht nur von Familie und Freunden Hilfe anzunehmen, sondern auch von anderen, würde ich heute nicht hier stehen. Alleine das Coaching mit Julia, das ich kurz nach meiner Diagnose anfing, hat mir so sehr geholfen, mit dieser neuen Situation umzugehen. Sie hat mir geholfen, die MS anzunehmen und meinem wahren Kern näherzukommen. Und es gibt noch so viele weitere Beispiele.



Darüber hinaus bin ich so dankbar, dass ich diesen Blog gestartet habe und damit auch auf Instagram bin. Denn dadurch habe ich so viele wunderbare Menschen getroffen, zum Beispiel die liebe Andrea von Yogacraft. Wir unterstützen uns alle gegenseitig und wir wissen, dass es immer jemanden gibt, mit dem wir sprechen können, wenn wir mal wieder Schwarz sehen. Passend zum Welt-MS-Tag hat mich die liebe Andrea sogar in ihrem Podcast interviewt. Das Interview kannst du dir hier anhören.


Dieses Gespräch hat mir einmal mehr gezeigt: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Das Leben hält zahlreiche Herausforderungen für uns bereit und mit einer chronischen Krankheit wird es noch herausfordernder. Wir alle haben eigentlich keine wirklich Ahnung, was wir hier machen und wie wir das am besten angehen. Deshalb ist es so schön und so wertvoll, wenn wir uns mit anderen Menschen verbinden können. Uns helfen lassen und dem anderen helfen, uns alles von der Seele reden und für den anderen ein offenes Ohr haben, uns stützen lassen und dem anderen eine Stütze sein. Es ist ein Geben und Nehmen. Und es ist auch vollkommen ok, wenn du durch deine Diagnose aktuell viel mehr nimmst. Niemand führt Buch und wird dir das am Ende vorhalten.


Doch warum heißt dieser Artikel „Deine wahre Stärke liegt darin, Schwäche zu zeigen und Hilfe anzunehmen“?

Was ist die Bedeutung dahinter für mich? Wenn ich mich verletzlich zeige, dann kann ich gar nicht anders als meine Maske abzunehmen. Dann zeige ich mich so, wie ich wirklich bin: roh und echt. Dann überspiele ich nichts mehr, tue so, als wäre alles gut. Ich bin einfach so, wie ich bin. Und das erfordert so viel Mut. Denn oft denken wir, wir müssen so oder so sein. Wir haben Angst, verletzt oder gar ausgelacht zu werden, wenn wir uns wahrhaftig zeigen.

Doch gerade heutzutage ist es so wichtig, dein wahres Ich zu zeigen. Denn das ist es, was wir alle tief in uns wirklich wollen. Wir wollen keine Rolle mehr spielen, uns verbiegen und zusammenreißen müssen. Wir wollen ENDLICH diese verdammte Maske der vermeintlichen Stärke und Unabhängigkeit von allem und allen ablegen. Und wenn du dich traust, sie abzunehmen und dich verletzlich zeigst, gibst du auch anderen die Erlaubnis, es dir gleichzutun. Noch dazu zeigst du ihnen, wie befreiend es sein kann und dass es am Ende gar nicht so schwer und schlimm ist.


Wir sind nicht auf diese Welt gekommen, um Einzelkämpfer zu sein. Natürlich können wir auch so einiges allein erreichen. Doch wenn wir uns zusammenschließen, ist so viel mehr und so viel

Größeres, Wunderbares möglich. Ich glaube, dass wir unsere Hände nicht nur zum „Machen“ haben. Unsere Hände sind zum Ausstrecken da. Eine der schönsten Gesten für mich ist das Ausstrecken einer helfenden, stützenden Hand. Dieses Bild ist einfach so wunderschön und bestärkend. Denn diese Hand sagt: „Ich bin für dich da. Ich halte dich, wenn du fällst. Du musst da nicht allein durch. Gemeinsam schaffen wir das.“


Trau dich, dich wahrhaftig zu zeigen


Also nimm all deinen Mut zusammen und schmeiß deine Ängste, Zweifel und Horrorszenarien über Bord. Trau dich, zu sagen, wenn es dir nicht gut geht, wenn du Hilfe brauchst, wenn du nicht mehr weiter weißt. Es mag dich am Anfang viel Überwindung kosten. Aber ich verspreche dir: Es wird mit jedem Mal einfacher. Und du wirst sehen, was für wundervolle Situationen, Gespräche und Möglichkeiten sich für dich eröffnen.


Du hast ein Gesicht, um es in seiner puren Form zu zeigen. Du hast Hände, um sie helfend auszustrecken und eine unterstützende Hand anzunehmen. Und du hast ein Herz, um es bedingungslos zu öffnen.



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©2020 by Julia Wagner