• kleiner Wachrüttler

Die ewige Frage und die Sorge um „die anderen“

„Do not be concerned with the judgement of others as long as you know what you are doing is right. You can do whatever you want to do as long as it is correct according to your conscience and your heart. Never be ashamed of doing that which is right; decide on what you think is good and then stick to it. And for God’s sake, never get into the habit of measuring your self-worth against other people’s net worth. Because every second you spend thinking about someone else’s dreams you take time away from your own.”

                                                                   Robin Sharma – The Monk Who Sold His Ferrari



Wenn ich das lese, klingt das alles sehr einleuchtend und weise und ich möchte es am liebsten sofort umsetzen. Doch dann bin ich wieder in meinem Alltag und ertappe mich zum wiederholten Male bei meiner gedanklichen Frage: „Was sollen denn meine Eltern/Freunde/Freund/Bruder/anderen denken?“.

Wenn ich ehrlich bin, ist diese Frage in meinem Leben sehr präsent – besonders in den letzten Tagen.


Jedes Mal, wenn ich sie mir stelle, lebe ich in der Angst und bin wie gelähmt. Ich verliere die Verbindung zu meinem Inneren und bin nur im Außen. Es geht nicht mehr um mich, sondern um die anderen und ihr EVENTUELLE Meinung über mich und meine Taten. In diesen Momenten lasse ich also mein Leben davon bestimmen, was ich DENKE, was andere Leute denken KÖNNTEN.

Es ist doch verrückt, oder? Wieso kann ich mich davon nicht befreien? Es ist doch mein Leben, um das es hier geht – nicht das Leben meiner Eltern/Freunde/Freundes/Bruders/der anderen.


Das Schlimme dabei ist, dass ich mit dieser Fragen und den ganzen Gedanken nicht alleine bin. So viele Menschen in meinem Umfeld leben in der gleichen Angst und lassen sich von dieser Frage beeinflussen. Ich frage mich, wie viel mehr wir das Leben leben würden, das uns wirklich glücklich macht und unserem wahren Ich entspricht, wenn wir uns nicht an diese Frage klammern würden.

Doch gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Ich habe gesagt, dass mich diese Frage in den letzten Tagen besonders stark und häufig verfolgt:


Vor 1,5 Monaten habe ich einen neuen Job angefangen. Einen Job, von dem ich sofort begeistert war und dachte, dass er mich erfüllen würde, dass ich gerne zur Arbeit gehen würde und – wenn ich ehrlich bin – dass es auch ein Jobtitel und ein Arbeitgeber ist, der nach außen hin gut klingt (die anderen würden das somit bestimmt gut finden).

Allerding musste ich ziemlich schnell feststellen, dass diese Stelle doch nicht ganz das ist, was ich mir erhofft hatte. Sie zeigte mir vielmehr, dass ich wirklich nicht jeden Tag vor dem PC sitzen kann und ich den Kontakt sowie die Interaktion mit anderen Menschen brauche. Da saß ich nun, hatte mir so sehr gewünscht, endlich einen tollen Job zu finden und zur Ruhe zu kommen. Doch das Gegenteil war der Fall. Mein Kopf ratterte und ich suchte nach Möglichkeiten, mir das Leben zu erschaffen, das mich glücklich macht. Und dann kam auf einmal dieser Gedanke, dass ich kündigen müsste, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin. Dass ich ja eigentlich eingesehen hatte, dass das Leben viel zu kurz ist und ich deshalb keine Zeit habe, es mit Dingen zu verbringen, die mich unglücklich machen. Doch auf der anderen Seite war es der dritte Job in einem Jahr und es war ja auch eine tolle Stelle, ich hatte mich so gefreut und ... was sollen denn die anderen denken?


Also schob ich diese Gedanken beiseite, riss mich zusammen, biss die Zähne zusammen, sagte mir, dass ich mich nicht so haben sollte und ging weiter pflichtbewusst zur Arbeit.

Natürlich war und ist es nicht so, dass mich meine Arbeit totunglücklich machte und total anstrengend war oder so, aber ich hatte einfach diese Gefühl, dass es nicht richtig ist, dass ich da nicht hingehöre und dass ich einfach noch nicht meinen Weg gefunden habe.

Irgendwann kamen morgens nach dem Aufstehen wieder die gleichen Gefühle und Gedanken in mir hoch wie bei meinem vorherigen Job. Mein Magen zog sich zusammen zu einer harten Kokosnuss, ich merkte den Klos im Hals, durch den das Atmen und Schlucken zu einem wahren Kraftakt wurden, die Tränen stiegen in mir hoch und drückten von innen gegen meine Augen, das es schmerzte ... mein Körper signalisierte mir wie eine aufheulende Alarmglocke, dass es mir nicht gut ging und dass ich gegen mich arbeitete. Doch ich hatte zu große Angst, diesen Signalen zuzuhören und ihnen Raum zu geben, denn das würde ja bedeuten, etwas ändern zu müssen und ... was sollen denn die anderen denken?


Es vergingen weitere Stunden und Arbeitstage und irgendwann war es mal wieder soweit, dass ich zum monatlichen Blutabnehmen bei der MS-Ambulanz musste. Als sie mich dort fragten, wie es mir im Allgemeinen so ginge, gab ich zu, dass ich verstärkt auf meine Basistherapie reagierte, dass ich seit letzter Woche meine alten Symptome wieder merkte und dass ich auch an anderen Stellen meines Körpers Schmerzen bzw. ein Kribbeln verspürte. Gerade bei der letzten Aussage wurden die Schwestern hellhörig und schickten mich zum Oberarzt. Da die Symptome noch nicht dauerhaft anhielten, meinte er: „Ich möchte noch nicht von einem dritten Schub sprechen, aber wir sollten das Ganze auch nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Er schickte mich erst einmal wieder nach Hause mit der Bitte, meine Symptome weiter zu beobachten und in einer Woche wiederzukommen.

Als ich aus dem Krankenhaus an die frische Luft trat, spürte ich, wie mir die Tränen in die Augen schossen und Angst aus den Tiefen meines Körpers nach oben stieg. Ein dritter Schub? In nicht mal einem Jahr? Wieso? Warum? BITTE NICHT! Da war es wieder: das Gefühl, wegrennen zu wollen. Das Gefühl, dass das alles zu viel ist. Das Gefühl, dass ich dem Ganzen nicht gewachsen bin. Doch ich riss mich natürlich zusammen und wollte bloß nicht in der Öffentlichkeit weinen, denn ... was sollen denn die anderen denken?


Als meine Freunde und Familie davon erfuhren, baten sie mich, einen Gang runterzuschalten und erst einmal daheim zu bleiben, mich auszuruhen und runterzukommen. Doch ich spielte es runter, erwiderte, dass ich die nächsten drei Tagen noch zur Arbeit gehen müsste, weil wichtige Aufgaben noch erledigt werden müssten. Außerdem würde es ja nichts bringen, nur ein paar Tage daheim zu bleiben und überhaupt konnte ich ja nicht nach 1,5 Monaten krank sein, denn ... was sollen denn die anderen denken – und insbesondere mein Arbeitgeber und die neuen Kollegen?


Ich glaube, ihr seht, worauf ich hinauswill und dass ich mich selbst rückblickend nicht mehr so ernst nehmen kann. Mittlerweile sitze ich hier daheim, habe mich eine Woche krankschreiben lassen und mein Arbeitgeber und die Kollegen haben sehr verständnisvoll reagiert, die Erde dreht sich weiter und – wer hätte es gedacht – meine Symptome werden langsam schwächer. Ich kann stolz auf mich sein, denn vor ein paar Monaten hätte ich mir und meinem Körper diese Woche Pause nicht so leicht gegönnt und mir selber gesagt, ich solle mich nicht so haben, denn anderen Leuten geht es ja viel schlechter.


Doch die Sache mit meinem neuen Job beschäftigt mich weiterhin. Was soll ich tun? Soll ich kündigen? Soll ich fragen, ob ich die Arbeitszeit reduzieren kann? Soll ich mich wirklich selbstständig machen? Was ist, wenn das nicht klappt? Was ist, wenn ich die nach außen so tolle Position aufgebe und dann scheitere ... was sollen da nur die anderen denken?


Es ist verrückt. Im Grunde weiß ich doch, dass es TOTAL EGAL ist, was die anderen denken. Und doch komme ich nicht los von diesem Gedanken. Er hält mich fest und zurück wie ein riesiger Magnet. Objektiv betrachtet, weiß ich, dass die Frage mich innerlich kaputt und alles nur noch schlimmer macht, doch ich stelle sie mir trotzdem – wieder und wieder und wieder.

Es ist wie das dicke fette Schokokuchenstück, wonach man sich immer total überfressen und voll fühlt, es aber trotzdem jedes Mal wieder ist. Obwohl – das Kuchenstück schmeckt wenigstens gut, meine Frage nicht. Aber die Frage hat auch etwas Gutes, sie sorgt dafür, dass ich brav in meiner Komfortzone bleibe, jeglichem Konflikt fernbleibe und es (aus meiner Sicht) allen recht mache – außer mir.


Ich habe es in der Hand, ob ich mein Leben weiterhin von dieser Frage bestimmen lasse oder ob ich einen Schlussstrich ziehe. Denn am Ende kann ich mir noch so viele Gedanken um die anderen machen, es wird immer irgendjemanden geben, der es nicht gut findet, anders machen würde oder der mich allgemein einfach nicht mag.

Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass mein kleiner Wachrüttler mich ganz klar spüren lässt, was passiert, wenn ich mein Leben zu sehr von dieser Frage bestimmen lasse.

Ich glaube, dass auch du diese Frage kennst und dich auch an Momente erinnern kannst, in denen du dich davon hast leiten lassen. Und vielleicht merkst auch du, wenn du in solchen Momenten in dich hineinfühlst, wie sich das auf deinen Körper niederschlägt, sich etwas zusammenzieht, du etwas anspannst oder verkrampfst. All‘ das zeigt, dass diese Frage unserer Natur und unserem Wesen widerstrebt, da wir uns durch sie von uns selbst entfernen und im Außen sind.



Jay Shetty hat einmal zitiert: „In unser heutigen Welt geht es nicht mehr darum, was ich denke, wer ich bin. Es geht nicht darum, was du denkst, wer ich bin. Sondern es geht darum, was ich denke, dass du denkst, wer ich bin.“


Wir leben also unser Leben unter der Annahme, was wir denken, was andere über uns denken. Dabei können wir doch gar nicht wissen, was andere über uns oder irgendjemanden denken. Das einzige, was wir wissen, ist, was wir denken. Und das einzige, das wir beeinflussen können, ist, was wir denken. Nur ich weiß, was gut für mich ist. Nur ich weiß, was mir gut tut. Nur ich weiß, was sich für mich richtig anfühlt. Und das ist auch das einzige, was zählt.


Deshalb kann auch nur ich dieses Leben leben. Nur ich kann merken, ob eine Entscheidung mir gut tut. Ich sitze am Steuer meines Lebens und jedes Mal, wenn ich mir die Frage stelle, was andere denken könnten, setze ich mich auf den Beifahrersitz und schaue zu, anstatt aktiv den Weg zu bestimmen.

Doch ich kann mich nicht von heute auf morgen von dieser Frage lösen, ich brauche Geduld – viel Geduld. Zunächst ist es wichtig, mich selbst zu beobachten, ohne zu werten und einfach nur festzustellen, wann ich mir diese Frage stelle und mir dann jedes Mal ein mitfühlendes und verständnisvolles innerliches „Stopp“ zu erwidern und diese Frage ziehen zu lassen. Und mir immer wieder bewusst zu machen und selbst zu sagen, dass es um mein Leben geht und nicht das der anderen. Auf diese Weise kann ich Stück für Stück wieder das Lenkrad meines Lebens in die Hand nehmen, selbst entscheiden, welche Wege ich befahren möchte und mich dem Leben annähern, das meiner wahren Essenz entspricht.

Dann wird auch sehr wahrscheinlich der kleine Wachrüttler immer ruhiger und leiser werden.

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©2020 by Julia Wagner