• kleiner Wachrüttler

Die Suche nach dem „WARUM?“

„Multiple Sklerose: wörtlich übersetzt: ‚vielfache Verhärtungen‘ (im Kommunikationsbereich), sich selbst mir größter Härte zurücknehmen, enorme Eigendisziplin bzgl. Kontrolle und Unterdrückung; Abkehr von eigenen Stärken und Möglichkeiten; sich selbst bremsen und schließlich lähmen; gegen sich selbst gerichtete Aggression: ‚Ich gegen mich‘; starre Haltung sich selbst gegenüber [...]; Rücksichtslosigkeit gegenüber den eigenen Bedürfnissen: hart mit sich selbst ins Gericht gehen [...]; Perfektionismus; Tendenz, sich selbst die Schuld zu geben [...]; den anderen ihre Bedürfnisse erfüllen, noch bevor sie sie äußern, die eigenen übersehen [...]; starren Widerstand gegen die Selbstliebe, Selbstanerkennung und Selbstwert, letztlich gegen sein Selbst [...]; eisenhart gegen sich selbst [...]; niemandem und v. a. sich selbst nicht verzeihen [...].“ Rüdiger Dahlke, Krankheit als Symbol


Als ich diese zum ersten Mal las, saß ich im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin hatte das Buch von Rüdiger Dahlke vor mir, einen riesigen Klos im Hals und die Tränen flossen mir über die Wangen.



Konnte das wirklich sein? Ein Buch beziehungsweise ein Autor, der mich noch NIE gesehen hatte, weiß mehr über mich, als ich mir selbst eingestehen möchte?


Konnte diese Krankheit wirklich einen Sinn haben? Wollte sie mir etwas sagen? Habe ich gewisse Zeichen vorher ignoriert und nicht wahrnehmen wollen?


Laut Rüdiger Dahlke gehört Krankheit zur Gesundheit genauso wie der Tod zum Leben gehört. „Unsere Symptome sind unbestechlich – sie zwingen uns zur Ehrlichkeit. Sie zeigen durch ihre Existenz, was uns in Wirklichkeit noch fehlt, was wir nicht zu seinem Recht kommen lassen, was im Schatten liegt und sich verwirklichen möchte und wo wir einseitig geworden sind. [...] Die Krankheit macht den Menschen heilbar. Krankheit ist der Wendepunkt, an dem das Unheil sich in Heil wandeln lässt. Damit dies geschehen kann, muss der Mensch seinen Kampf einstellen und stattdessen hören und sehen lernen, was die Krankheit ihm zu sagen hat. Der Patient muss in sich hineinlauschen und in Kommunikation mit seinen Symptomen gehen, will er deren Botschaft erfahren. Er muss bereit sein, seine eigenen Ansichten und Vorstellungen über sich selbst rücksichtslos in Frage zu stellen und versuchen, bewusst zu integrieren, was das Symptom ihm Korporal beizubringen versucht. Er muss also das Symptom überflüssig machen, indem er ins Bewusstsein hineinlässt, was ihm fehlt. Heilung ist immer mit einer Bewusstseinserweiterung und Reifung verbunden.


Aus irgendeinem Grund berührten seine Worte etwas in mir. Es fühlt sich richtig an, wenn man überhaupt von „richtig“ im Zusammenhang einer Erklärung für eine Krankheit sprechen kann.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mich selbst in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren, nur unter Druck gesetzt, innerlich runtergemacht und mir keine wirkliche Pause gegönnt.


Es ging immer nur um das eine: meinen Master erfolgreich abschließen und superschlank werden. Dafür war ich bereit, mich in eine Form zu pressen, die meinem wahren Ich ganz und gar nicht entsprach. Ich war nur im Außen unterwegs, lechzte nach Anerkennung und Liebe von anderen. Es ging gar nicht mehr um mich und um das, was ich wollte. Und es ging auch nicht um andere und was andere wollten. Nein, es ging nur noch darum, was ich dachte, das andere von mir erwarteten und wie andere mich gerne haben wollten.


Ich lebte also mein Leben auf der Annahme dessen, was ich mir in meinem Kopf ausmalte, welche Erwartungen die anderen von mir hatten und wie sie mich (meiner Meinung nach) haben wollten. Denn in meinem Kopf konnte ich die Gedanken der anderen lesen und die waren ganz klar: Sie muss perfekt sein, sie muss den Master mit 1,0 abschließen, sie muss die perfekte Figur haben, sie muss den makellosen Style haben, sie muss die beste Tochter der Welt sein, sie muss zu allem Ja und Amen sagen, sie darf ja nicht aus der Reihe tanzen, sie muss die perfekte Freundin sein, sie muss immer und jederzeit für alle anderen da sein ...


Wow ... das erzählte ich mir also seit vielen Jahren jeden Tag, jede Stunde und jede Minute in meinem Kopf. Ich war mitten im Kampf mit mir selbst. Egal, was ich auch tat und wie sehr ich mich auch anstrengte, es war nie gut genug. Bei so einer täglichen innerlichen Erniedrigung Tag ein, Tag aus war es kein Wunder, dass meine Seele irgendwann genug hatte und mit körperlichen Symptomen versuchte, mich wachzurütteln.


Ich stehe jetzt also an einem Scheideweg. Entweder ich mache so weiter wie bisher und werde sehr wahrscheinlich einen Schub nach dem anderen haben, weil mein Körper nicht aufhören wird, zu versuchen, mir etwas zu sagen und mich zum Umdenken zu bewegen. Oder ich fange nochmal ganz von vorne an und begebe mich auf eine Reise zu mir selbst und meinem wahren Ich. Ich habe es in der Hand, mir eine Welt zu erschaffen, in der ich am Steuer sitze und in der es darum geht, was ich wirklich will.

Meine Entscheidung ist klar. Ich entscheide mich für mich, für mein wundervolles und einzigartiges Leben.



Und so beginnt meine Reise ...

52 Ansichten

©2020 by Julia Wagner