• kleiner Wachrüttler

Freund oder Feind – das ist hier die Frage

„This too, shall pass.“


Ist deine Krankheit dein Freund oder dein Feind? Nimm dir ruhig einen Moment Zeit, und denk über die Frage nach. Was löst sie in dir aus? Welche Gedanken und Reaktionen kommen hoch? Vielleicht denkst du dir sogar: „Was ist denn nun los? Schlimm genug, dass ich diese Krankheit habe und ich versuche ja schon, das Beste draus zu machen, aber mein Freund? Auf KEINEN Fall, das ist nun wirklich zu viel verlangt!“


Ist es das? Ist es zu viel verlangt? Oder ist es vielleicht genau der Weg? Der Weg, der dich, der mich, der uns alle zur Heilung bringt?



Dieser Gedanke kam mir, als ich vor Kurzem an dem Onlinekongress „Chronisch Gesund“ von Louisa und Andrea teilnahm. Dabei führten sie ein sehr interessantes Interview mit Carolin und Alexander Toskar, die genau über dieses Thema sprachen und irgendetwas bewegte dieser Unterhaltung in mir. Ich fing an über die letzten anderthalb Jahre nachzudenken.


Meine erste Reaktion war: Am Anfang war die Krankheit definitiv mein Feind. Doch war sie das? Ich stand unter Schock, hatte das Gefühl, dass die Diagnose wie ein riesiger Brocken vor mir lag und wusste einfach nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Ich stand wie unter Schock und wusste nicht, wie ich das alles verarbeiten sollte. Ich wusste weder vor noch zurück, weder ein noch aus, weder oben noch unten ... meine Welt stand Kopf. Dieser eine Satz: „Sie haben sehr wahrscheinlich MS, Frau Wagner,“ hatte mein ganzes Leben und besonders mein ganzes Innere auf den Kopf gestellt.


Es folgte ein sehr hohes Hoch, weil mir bewusst wurde, wie kostbar dieses Leben und jeder Moment ist. Ich war kurz nach der Diagnose dank meiner Eltern an der Ostsee und hatte teilweise tiefe Glücksmomente, weil ich so dankbar war, überhaupt am Leben zu sein, noch alles machen zu können: riechen, schmecken, sehen – einfach alles.


Doch dann kam – nur vier Monate später – der zweite Schub und es wurde der Schalter umgelegt. Ich schlüpfte mit Haut und Haaren in meine neue Rolle: die Opferrolle. Ich fragte mich nur noch warum. Warum ich? Warum jetzt? Was soll das? Was ist, wenn ich im Rollstuhl lande? Ich hatte Angst, am nächsten Tag aufzuwachen und nicht mehr laufen zu können. Ich weinte. Ich weinte so sehr und so viel, wie ich es noch nie getan hatte. Es fing ganz einfach ohne Vorwarnung an und dann konnte ich teilweise nicht mehr wirklich aufhören. Ich tat mir so unglaublich selber leid und sah nur noch Schwarz. Mein armer Freund war irgendwann auch mit seinem Latein am Ende. Das schwarze, tiefe Loch hatte mich doch aufgespürt und mich ganz tief in seinen Bann gezogen. Ich war wie gelähmt in meinem Schmerz. (Wenn du mehr über meine ersten Monate nach der Diagnose erfahren möchtest, klicke hier.)


Doch wie bereits eine sehr alte Weisheit besagt: „This too, shall pass.“ (Auch das geht vorüber.) – zum Glück. Dies ist wohl auch eine der größten Lehren, die ich durch meine Krankheit lernen durfte. Nichts ist für immer, alles geht vorbei. Denn das Leben ist ein Auf und Ab. Und wenn wir es schaffen, genau diese Tatsache zu akzeptieren und darauf vertrauen, dass das Leben immer für uns ist, lebt es sich um so vieles leichter.


Wenn wir krank sind (ob chronisch oder einfach nur erkältet), dann fangen wir sofort an, dagegen anzukämpfen. Wir nehmen Tabletten, wollen schnellstmöglich wieder gesund werden, verfluchen im schlimmsten Fall noch unsren Körper und setzen uns nicht mit diesen Signalen unseres eigenen Körpers auseinander. Anstatt zu akzeptieren, rennen wir davon und wollen, dass es am besten gestern vorbeigeht.


Doch was ist, wenn auch die Tiefs zum Leben dazu gehören? Was ist, wenn das Leben wirklich immer für uns ist? Was ist, wenn auch eine Krankheit (ob Angina oder MS) uns eigentlich helfen will? Was ist, wenn sie uns helfen will, ein Ungleichgewicht in unserem Leben wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Was ist, wenn sie in Wirklichkeit ein Freund statt ein Feind ist? Was ist, wenn sie uns wie ein guter Freund an die Hand nehmen will, um uns wachzurütteln und uns so die Chance gibt, unser Leben wirklich zu leben?


Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass alles aus einem Grund passiert. Doch ich kann natürlich nur für mich sprechen und sicherlich habe ich keine tödliche Krankheit und keine schlimme Form von MS. Aber wenn ich auf die letzten 18 Monate zurückschaue, dann möchte ich diese Entwicklung um keinen Preis missen. Mein Leben hat sich in allen Bereichen um Längen verbessert und ich selbst bin so sehr gewachsen und meinem wahren Ich um so viele Schritte nähergekommen.


Deshalb kann ich für mich heute sagen: Danke liebe MS, mein lieber kleiner bunter Wachrüttler, dass du in mein Leben getreten bist. Danke, dass du mich an die Hand genommen hast und es immer noch tust, um mir zu zeigen, wie viel mehr das Leben für mich bereithält. Danke, dass du immer wieder vorbeischaust, wenn ich mal wieder nicht so wirklich auf mich achte und mich dann daran erinnerst, mir Zeit für mich, meinen Körper und meine Seele zu nehmen. Danke, dass du mir dabei hilfst, mein Leben in vollen Zügen auszukosten.


Es mag vielleicht eine neue, andere oder auch fremde Ansicht für dich sein, doch es lohnt sich eventuell auch für dich, darüber nachzudenken. Die Diagnose, eine chronischen Krankheit oder auch ein anderer Schicksalsschlag muss keine Sackgasse oder gar Endstation sein. Es kann vielmehr ein SchicksalsSCHUB, der Beginn einer wundervollen Reise sein, die sicherlich durch tiefe sowie dunkle Täler führt, aber jeden Schritt wert ist.


Manchmal denke ich, dass wir vielleicht auch wirklich erst anfangen können, zu heilen und mit unserer Krankheit zusammenzuarbeiten, wenn wir sozusagen „die Friedenspfeife mit unserer Krankheit geraucht haben“. Denn erst wenn wir etwas wirklich annehmen, können wir damit arbeiten und es irgendwann auch wieder loslassen.


Vielleicht nimmst du dir also die nächsten Tage mal die Zeit, dich mit deiner Krankheit oder dem, was dich gerade beschäftigt, hinzusetzen und „es“ zu fragen, warum es in dein Leben getreten ist, was es dir sagen will, was du aus der ganzen Situation lernen sollst. Und wer weiß, welche Erkenntnisse du durch dieses Gespräch erhältst – was passiert, wenn du aufhörst, gegen das anzukämpfen, was du eh nicht ändern kannst und ihm stattdessen die Hand ausstreckst ...

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©2020 by Julia Wagner