• kleiner Wachrüttler

Hör auf, dich zu verstecken

Kennst du das? Es geht dir super, du strahlst, du könntest die Welt umarmen und triffst dich mit Gott und der Welt. Doch schon am nächsten Tag merkst du noch beim Aufstehen, dass es dir heute nicht ganz so gut geht, du spürst eine gewisse Traurigkeit in dir und möchtest dich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen. Doch das geht natürlich nicht, du musst arbeiten und reißt dich also zusammen. Auf der Arbeit und vor allen anderen tust du so, als wäre alles super, setzt dein Lächeln auf und schluckst deine ganzen Gefühle sowie Emotionen runter. Maximal die Menschen, die dich wirklich gut kennen, merken, dass etwas nicht stimmt und sprechen dich darauf an. Doch auch diese Nachfrage tust du winkend ab und sagst: „Alles gut, ich bin nur etwas müde heute.“


Ich kenne das nur zu gut und habe das die letzten Jahre IMMER so gemacht. Jedes Mal aufs Neue schön die Maske aufsetzen, sich bloß nichts anmerken lass und auf Biegen und Brechen stark sein. Heute denke ich mir: „Was für ein Bullshit!“ (Ja, Fluchen ist auf diesem Blog erlaubt ;).)


Wieso denken wir, dass immer alles rosig und schön sein soll? Wieso können wir uns vor anderen zeigen, wenn es uns super geht und wollen uns aber am liebsten verstecken und in ein Loch kriechen, wenn wir mal traurig, schlecht gelaunt oder wütend sind? Wieso sind diese als „negativ“ etikettierten Gefühle sowie Emotionen in unserer Gesellschaft so verpönt? Manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade Menschen, die eine chronische Krankheit haben oder die anderweitig sehr zu kämpfen haben, besonders stark sein und ja niemanden belasten wollen. Und wenn ich ehrlich bin, dann bin auch ich da ganz vorne mit dabei.


Das Motto des diesjährigen Welt-MS-Tages lautet „sichtbar werden“. Während ich über dieses Thema und besonders das Wörtchen „sichtbar“ nachdachte, wurde mir bewusst, wie wichtig dieses kleine Wort und dessen Bedeutung eigentlich ist.


Die letzte Situation, in der ich dachte, stark sein zu müssen, war bei meinem Neurologen vor 10 Tagen. Wenn du mir auf Instagram folgst, weißt du bereits, was passiert ist. Grundsätzlich teilte er mir mit, dass ich zwei neue Entzündungsherde habe und mir stärkere Medikamente verschreiben möchte – dabei wollte ich doch eigentlich meine Medikamente absetzen und mal schauen, wie es mir damit geht ...

ZACK da war er wieder Weg, der Boden unter meinen Füßen, den ich doch gerade erst wiedergefunden hatte. Ich spürte, wie die Tränen in mir aufstiegen und der Klos in meiner Kehle immer größer wurde. Doch ich riss mich zusammen und sagte später auch noch zu meiner Mama: „Ich weine ja nicht vor anderen.“

WARUM? Was ist denn so schlimm daran? Wieso kann ich keine Schwäche zeigen, gerade in einem solchen Moment? Und ist es nicht am Ende eher ein Zeichen viel größerer Stärke, wenn ich meine Maske ablegen und auch vor anderen weinen kann? Wovor habe ich Angst? Was ist so schlimm daran, wenn ich mich in meinen positiven sowie negativen Gefühlszuständen zeige und meine Verletzlichkeit gegenüber anderen ganz offen zum Vorschein bringe? Nichts. Ich denke nur in meinem Kopf, dass es etwas Negatives ist, und dass ich immer gut drauf sowie stark sein muss. Das ist die Geschichte, die ich mir innerlich den lieben langen Tag erzähle, und die ich brav seit 27 Jahren glaube.

Obwohl – 27 Jahre sind es nicht. Denn ich weiß, dass es mal eine Zeit gab, in der ich einfach die ganze Tonleiter meiner Gefühle ausgelebt und ihnen freien Lauf gelassen habe: als Kind.


Als Kind haben wir einfach geweint, wenn wir traurig waren und konnten dann auch wieder lachen, wenn die Traurigkeit ihren Raum bekommen hatte. Was ist passiert, dass wir uns jetzt so „erwachsen“ verhalten und immer alles Negative schön nach unten drücken? Wir sind immer älter geworden und haben gesehen, dass Erwachsene nicht einfach losweinen, wenn es ihnen nicht gut geht. Wir haben erkannt, dass meine seine Reaktionen auf bestimmte Situationen kontrollieren kann. Das mag ja in manchen Situationen durchaus hilfreich und notwendig sein, doch meistens haben wir diese Kontrolle unserer Emotionen so perfektioniert, dass wir so gut wie JEDES MAL einfach alles runterschlucken, weil gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist. Doch weißt du was? Es ist nie der richtige Zeitpunkt? Gefühle kommen und gehen. Sie sind einfach Energie, die fließen muss. Und wenn wir sie nicht fühlen und ausleben, können sie genau das nicht tun und bleiben in uns sozusagen stecken.


Natürlich geht es nicht darum, den ganzen Tag rumzuheulen und jetzt nur noch über die eigenen Befindlichkeiten zu reden. Es geht darum, das Leben in all seinen Facetten und Farben zu leben. Es geht darum, einfach so zu sein, wie du bist. Du kannst stark und schwach sein, traurig und glücklich, optimistisch und pessimistisch, Yin und Yang, ausgeglichen und wütend, energiegeladen und ausgelaugt sein. Du kannst nicht nur, sondern du bist es. Du trägst all‘ diese Seiten und Facetten in dir, doch irgendwann hast du angefangen, manche davon nicht mehr zu leben, ihnen keinen Platz mehr eingeräumt.


Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht mehr da sind. Sie sind zu deinen Schattenseiten geworden, mit denen du immer wieder kämpfst. Doch das musst du gar nicht. Wenn du dich in deiner Gesamtheit annimmst – insbesondere auch deine von dir als „schlecht“ oder „negativ“ bzw. „Schwächen“ bezeichneten Eigenschaften –, kommst du deinem wahren Ich so viel näher. Denn dann du bist einfach, wie du bist und nicht, wie du denkst, wie du sein solltest.


Deshalb feiere dich genauso, wie du bist. Zeig dich mit all‘ deinen Emotionen und Gefühlen. Werde sichtbar in deiner Ganzheit und erfahre, wie befreiend genau das ist.

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©2020 by Julia Wagner