• kleiner Wachrüttler

Ich gegen mich selbst

„Trau keiner Stimme in deinem Inneren, die nicht liebevoll zu dir spricht.“ – Rolf Merkle


„MS – Autoimmunerkrankung, bei der eigene Körper die eigentlich gesunde Schutzschicht der Nervenzellen als Feindkörper identifiziert und deshalb angreift.“

Dieser Satz trifft mich jedes Mal aufs Neue wie ein Schlag ins Gesicht. Er führt mir vor Augen, dass mit meinem Körper eigentlich alles gut sein, und dass ich kerngesund sein könnte, doch aus irgendeinem Grund hat er beschlossen, diese Ruhe zu stören und sich selbst anzugreifen. Warum? Warum tust du das, lieber Köper? Was ist passiert? Wie sind wir hierhergekommen? Was kann ich tun? Was willst du mir sagen?


All diese Fragen und noch viel mehr kommen immer wieder hoch und beschäftigen mich. Lange Zeit konnte ich sie einfach nicht loslassen, diese Suche nach einem Grund, einer Erklärung und nach dem großen WARUM?

Doch mittlerweile habe ich erkannt, dass diese Frage alles nur noch schlimmer macht. Ich werde nie erfahren, warum ich diese Krankheit wirklich bekommen habe. Doch ich kann sie für mich selbst interpretieren und versuchen „meine Version“ des Auslösers zu finden und dort ansetzen.


Es wird gesagt, dass unser Körper und unsere Krankheiten sozusagen der Spiegel unseres Inneren, unserer Seele sind. Das würde im Umkehrschluss bedeutet, dass ich mich innerlich angreife, einen Kampf ausfechte und sozusagen mit mir selbst auf Kriegsfuß stehe. Bin ich das? Stehe ich mit mir selbst im Konflikt? Bin ich mir selbst der größte Feind? Wenn ich ehrlich bin und mir besonders die Wochen, Monate und Jahre vor meiner Diagnose anschaue, kann ich nicht anders als diese Frage mit „Ja“ zu beantworten.


Es war nie genug, oder besser gesagt: ICH war nie genug in meinen Augen. Egal, was ich tat, wie ich aussah, was ich erreichte – ich fand immer etwas zum Kritisieren oder einen Punkt, den man noch hätte besser machen können. Ich war allgemein viel zu faul und hätte viel mehr machen, lesen, unternehmen usw. können. Meine Figur war immer nicht dünn genug. Egal, wie gut eine Prüfung lief, solange es keine 1,0 war, hätte ich immer noch mehr machen und lernen können und sowieso hatte ich Fehler gemacht, die man eigentlich nicht hätte machen dürfen. Und als ich dann eine 1,0 für meine Masterarbeit erhielt, machte ich auch das klein, indem ich sagte, dass der Dozent eh sehr wohlwollend benotet.


Hätte jemand meine inneren Dialoge aufgenommen, hätte er sich wahrscheinlich allein beim Durchlesen klein sowie unbedeutend gefühlt und als würde er im Leben eh nichts erreichen. Was habe ich mir damals unbewusst nur angetan? Wie habe ich es überhaupt mit mir selbst ausgehalten?

Ich war immer auf der Suche nach Bestätigung sowie Anerkennung und wenn ich sie dann bekam, fand ich einen Weg, einen Grund, ein Argument, um auch das wieder zunichte zu machen: ein Teufelskreis.


Doch weißt du, was das Schlimme ist? Ich bin mit diesem inneren „Klein-mach-Dialog“ nicht allein. Und wahrscheinlich hast du dich auch ein bisschen wiedererkannt – leider. Denn wir alle sind unser größter Kritiker. Wir alle sehen uns immer mit dem „Das-hätte-ich-noch-besser-machen-können-Filter“. Wir können zehn wundervolle und lobende Komplimente bekommen, doch wehe es kommt eine negative Bemerkung oder Feedback dazu. Dann sehen wir wie mit Scheuklappen nur den negativen Punkt und machen uns innerlich fertig.


Rolf Merkle hat einmal gesagt: „Trau keiner Stimme in deinem Inneren, die nicht liebevoll zu dir spricht.“ Diese Worte sind so machtvoll: „Trau keiner Stimme in deinem Inneren, die nicht liebevoll zu dir spricht.“


Deshalb möchte ich dir heute sagen: Du kannst und darfst loslassen. Du darfst einfach so sein, wie du bist, denn genau so bist du wundervoll und liebenswert. Du musst dich nicht stets und ständig optimieren, du darfst einfach du sein. Das Leben muss nicht anstrengend sein, es muss kein Kampf sein und Unmengen an Kraft erfordern. Wenn du loslässt und insbesondere deine inneren Erwartungen an dich und an andere, lebt es sich so viel leichter. Wenn du nicht mehr ständig denkst, du musst so oder so sein, oder du solltest dies oder jenes tun, gewinnst du an Leichtigkeit und du hast so viel mehr Energie zur Verfügung.


Stell dir einfach nur mal das Bild vor, das sich in deinem Inneren abspielt: Du kämpfst und kämpfst und kämpfst mit dir selbst, deine ganze Kraft und Aufmerksamkeit richtet sich auf das, was du nicht bist, hast oder tust und währenddessen passiert das Leben.

Während ich in der letzten Zeit immer damit beschäftigt war, mich selbst innerlich runterzumachen, habe ich die Schönheit des Lebens und unzählige Augenblicke verpasst, die nie wieder zurückkommen. Ich hatte kaum noch einen Blick für die kleinen Dinge des Alltags und habe alles andere als im Moment gelebt.


Doch durch die Diagnose stellte ich auf einmal fest: Ich bin nur für eine begrenzte Zeit hier und es kann jeden Tag vorbei sein. Möchte ich auf mein Leben zurückblicken und feststellen, dass ich nur mit mir selbst am Kämpfen war? Möchte ich mich selbst so gut wie nie liebevoll und wohlwollend betrachtet haben? Möchte ich mein volles Leben nicht ausgeschöpft haben, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mich darauf zu konzentrieren, was alles nicht gut genug ist? Nein, nein und nochmal nein.


Ich will dieses Leben in vollen Zügen auskosten, durch die Tage tanzen, jeden Moment feiern und dankbar sein, dass ich das alles erleben darf.

Dieses Streben nach immer besser, immer toller, immer weiter, immer mehr macht uns alle krank. Wir sind genug. Wir tragen bereits alles in uns. Alles, was sich entfalten kann und will. Doch mit Druck und mit kämpfen kann sich nichts entfalten.


Jedes einzelne Leben und jeder einzelne Mensch ist ein Wunder. Und dieses Wunder will gelebt werden. Doch wenn wir immer nur damit beschäftigt sind, mit diesem Wunder auf Kriegsfuß zu stehen, weil wir der Meinung sind, dass es einfach nicht genug ist, dann kann unser Körper an einem bestimmten Punkt gar nicht mehr anders als krank zu werden. Denn niemand kann diesem negativen, gemeinen und oft auch beleidigenden Dialog für immer standhalten – auch nicht unsere Seele und unser Körper.


Ich sehe meine Krankheit als den Hilfeschrei meiner Seele und meines Körpers. Wenn die beiden eine Person wären, würde sie wahrscheinlich flehend vor mir stehen und schluchzen: „Bitte, bitte, bitte hör endlich auf damit. Ich kann es nicht mehr hören, ich kann diese ganze Negativität nicht mehr abwehren. Es ist zu viel. Kannst du nicht sehen, wie wundervoll und einzigartig bist? Kannst du dich selber nicht einfach mal sein lassen? Wir sind doch ein Team und wir arbeiten alle zusammen für dich. Meinst du nicht, dass es sich mit Dankbarkeit und Genügsamkeit viel leichter lebt? Tu es dir zu Liebe und hör endlich auf, gegen dich anzukämpfen. Denn der Einsatz für diesen Kampf ist viel zu kostbar und du kannst ihn eh nur verlieren.“


Mittlerweile glaube ich, dass der einzige Weg, um diesen inneren Kampf zu beenden, über das Loslassen führt. Denn mit diesem inneren Kampf ist es wie beim Schattenboxen. Wenn ich einen Schlag verteile, tut es mir mein Schatten gleich und es fällt auf mich zurück. Bleibe ich ruhig und entspannt, bleibt es auch mein Schatten. (Hier gelangst zu dem Artikel, in dem ich dir einen Weg zeige, deine Gedanken positiver zu gestalten.)

Im Grunde ist es so einfach, nur ich mache mir das Leben schwer, ich selbst stehe mir Weg.



Deswegen ist das Zitat aus dem Talmud auch so wichtig und richtig:

„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.

Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Alles im Leben beginnt bei einem Gedanken – deinem Gedanken. Und du hast es in der Hand, ob dieser Gedanke und alle weiteren für dich oder gegen dich sind. Entscheiden wir uns gemeinsam FÜR UNS, denn ich bin mir sicher, dass dein Leben dann um vieles bereichert wird und du dich somit selbst befreien kannst. Und wer weiß, vielleicht tragen wir mit diesem Schritt ein Stück zu unserer Heilung bei ...


Deshalb vergiss bitte nie: Du bist wundervoll, so wie du bist.

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©2020 by Julia Wagner