• kleiner Wachrüttler

Krankheit als Geschenk

Aktualisiert: 2. Sept 2019

„Du wurdest als Original geboren, also bitte stirb nicht als Kopie.“ – Dieter Lange 


Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört: „Wow, so wie du deine Krankheit angehst, das könnte ich nicht!“. Und wahrscheinlich kennst auch du diese Worte nur zu gut.

Wenn man sich diesen Satz so anschaut, könnte man meinen, dass eine chronische Krankheit das Schlimmste ist, was einem passieren kann und womit nur bestimmte Menschen klarkommen. Doch das glaube ich nicht. Wahrscheinlich hätte ich genau das Gleiche gesagt, wenn die Situation anders gewesen wäre und ein(e) Freund(in) von mir Multiple Sklerose bekommen hätte. Doch wenn das Schicksal dich dazu „zwingt“, kannst du mit so viel mehr leben und so viel größere Herausforderungen meistern, als du dir je erträumt hättest. Und häufig entpuppt sich diese anfängliche Last als das größte Geschenk ...


Der unübersehbare Brocken vor mir


Ich weiß noch ganz genau, wie ich von meiner Diagnose erfahren habe und wie gelähmt ich mich danach fühlte. Ich wusste einfach nicht, was ich mit dieser neuen Information anfangen sollte. Die Diagnose lag wie ein Brocken vor mir, den ich einfach nicht übersehen konnte, aber ich wusste auch nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte (mehr dazu in diesem Artikel). Ziemlich schnell fing ich an, mich selber zu bemitleiden und mich zu fragen, warum ich. Warum ich?


Ich weinte viel, sagte Verabredungen ab und zog mich in meinen Kokon zurück. Doch irgendwann stellte ich fest, wie sehr ich mich verloren hatte. Dass mir dieses Selbstmitleid nicht helfen würde und dass es an der Zeit war, mein Leben in die Hand zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen. Und es begann ein langer Prozess, der auch heute noch lange nicht beendet ist – und das ist auch ok.


Meine Reise beginnt: der Blick nach innen


Ich entscheid mich, genauer hinzuschauen und mich nicht mehr als Opfer meiner Umstände zu sehen. Und dabei stellte ich fest, dass ich mich in den letzten Jahren immer mehr von meinem wahren Ich entfernt hatte. Ich wusste nicht einmal, was ich auf die Frage „Wer bist du wirklich?“ antworten sollte. Es war erschreckend. Es schien, als hätte ich Jahr für Jahr immer mehr Schichten auf mein wahres Ich gepackt, mir Jacken angezogen, die nicht meine waren und Masken aufgesetzt, von denen ich dachte, dass sie anderen gefallen würden.


Ich war nicht mehr ich, Julia. Die Seele, die auf die Erde gekommen war, um eine menschliche Erfahrung zu machen. Ich war nicht mehr die Julia, die einfach lebte und ihre Einzigartigkeit zum Ausdruck brachte. Sondern ich war die Freundin, die immer für alle da ist, die perfekte Tochter, die so toll ihren Weg geht, die schöne Freundin, das Sprachentalent, die Einfühlsame ... doch war ich das wirklich? Oder waren das einfach nur Dinge, die ich war und tat, weil sich das mal so ergeben hatte, weil ich anderen gefallen wollte oder weil die Gesellschaft das von mir erwartete? Würde ich an genau dem gleichen Punkt stehen, wenn mir die Meinung anderer egal gewesen wäre? Die Antwort ist – leider – nein.


Die Maske, die ich trug


Über die Jahre hatte ich gelernt, mich anzupassen. Ich hatte den Glaubenssatz entwickelt, dass ich nur geliebt und anerkannt werde, wenn ich etwas leiste, wenn ich schön und schlank bin, wenn ich es allen recht mache und wenn ich immer gut drauf bin. Dadurch begann ich, mir ein Ich aufzubauen, das immer in Habachtstellung war. Es ging immer zuerst um die anderen und dass es ihnen gut geht, bevor ich mich fragte, was ich überhaupt will (wenn ich mich das überhaupt fragte).


Ich begann ein Studium, das mich nicht erfüllte, weil ich dachte, dass es meinen Vater stolz machen würde. Ich begann, sehr viel Sport zu treiben und viel zu wenig zu essen, um meinem Exfreund besser zu gefallen und den Vorstellungen meiner Mutter zu entsprechen. Ich machte Praktika, die auf dem Lebenslauf gut aussahen, obwohl ich eigentlich viel lieber einfach mal die Semesterferien genossen und gar nichts gemacht hätte. Ich fing direkt nach dem Master einen Übergangsjob an, um mich bloß nicht arbeitssuchend zu melden, anstatt einfach mal Luft zu holen und mir in Ruhe einen ersten Job zu suchen, der mich motivierte.


Versteh mich bitte nicht falsch, ich hatte natürlich trotzdem ein schönes Leben und erinnere mich auch sehr gerne an meinen Studienzeit. Doch es gab Anteile, Eigenschaften und Seiten an mir, die ich nicht auslebte und somit unterdrückte. Nur damit ich die Julia sein konnte, die ich dachte, sein zu müssen, um von allen geliebt und anerkannt zu werden. Und daran war keiner Schuld. Ich hatte mich selber dazu entschieden, mich so anzupassen und zu verbiegen. Doch das konnte ich damals natürlich noch nicht sehen.


Und dann kam mein kleiner großer Wachrüttler


So kam es also, dass ich in einem Übergangsjob feststeckte, der mich alles andere als erfüllte, bei dem ich die Minuten bis zum Feierabend zählte und die Stimme meines inneren Kritikers über die Jahre so laut geworden war, dass ich mich innerlich immer wieder runtermachte. Nichts, was ich tat, war gut genug. Ich war im Kampf mit mir selbst – ein Kampf, den ich einfach nicht gewinnen konnte.


Rückblickend betrachtet finde ich es somit alles andere als überraschend, dass mein Körper und meine Seele irgendwann die Reißleine zogen. Also lag ich schließlich in meinem Krankenbett im Vivantes Klinikum in Neukölln, konnte auf dem linken Auge nur noch verschwommen sehen und wartete darauf, dass mir die Ärzte mitteilten, was mit mir los war. Obwohl ich es eigentlich irgendwo tief in mir bereits wusste.



Kurz nach meiner Diagnose schickten mich meine Eltern für eine Woche an die Ostsee. Eine Woche, in der ich mit mir alleine war, und in der ich mich mal nicht ablenken konnte. Während meiner zahlreichen Spaziergänge am Meer blickte ich auf die bisherigen 25 Jahre und besonders die letzten fünf Jahre zurück. Dabei musste ich mir irgendwann eingestehen, dass ich mein Leben bisher nicht nach meinem wahren Kern ausgerichtet hatte. Sondern ich vielmehr das Leben lebte, was ich dachte, das andere von mir erwarten würden. Und das war absurd. Denn ich konnte ja gar nicht wissen, was die anderen WIRKLICH dachten. Sondern ich reimte mir einfach innerlich zusammen, welche Erwartungen meine Eltern, Familie, Freunde usw. an mich – meiner Meinung nach – haben und richtete dann mein Leben danach aus. Das war natürlich im ersten Moment eine bittere Feststellung, doch es war die Wahrheit.


Eine neue Richtung: zurück zu meinem wahren Kern


Nun hatte ich die Wahl. Ich konnte diese Leben weiterhin so leben und all diesen Jacken und Masken weiter mit mir mitschleppen. Oder aber ich konnte einen Richtungswechsel vornehmen und Schritt für Schritt eine Jacke nach der anderen und eine Maske nach der anderen ablegen, um so meinem wahren Kern, meiner Einzigartigkeit wieder näherzukommen. Denn durch meinen bisherigen Lebensstil hatte ich mich auch größtenteils von meiner Intuition und meiner inneren Stimme abgeschnitten. Ich hatte meine Intuition und die Stimme, die liebevoll sowie voller Mitgefühl zu mir spricht immer leiser gedreht und gleichzeitig meinen inneren Kritiker, der immer etwas zu bemängeln hatte, auf Lautsprecher gestellt.


War das wirklich das Leben, das ich leben wollte? Und war vielleicht auch diese Art, wie ich bisher mit mir umgegangen war, zu einem gewissen Teil für die Entwicklung meiner Krankheit verantwortlich? Hatte dieser innere Kampf mit mir dazu geführt, dass sich mein Immunsystem selber angriff, um mir widerzuspiegeln, was ich mir da eigentlich Tag für Tag antat?


Ich beschloss, dass es Zeit für einen Neuanfang war. Zeit, so zu leben, wie ICH es WIRKLICH will. Zeit, mir ein Leben aufzubauen, dass mich erfüllt und glücklich macht. Ich ließ mich von meinem Wachrüttler wachrütteln. Ich wollte heilen, und zwar von innen und meinem wahren Ich wieder Raum zum Atmen, zur Entfaltung geben.


Der Brocken wird zum Geschenk


Mittlerweile sind seit meiner Diagnose fast zwei Jahre vergangen und es waren die intensivsten zwei Jahre meines Lebens. Natürlich gab es viele Hochs und Tiefs. Es gab Momente, in denen ich am liebsten alles hinschmeißen wollte, mich selbst zutiefst bemitleidetet habe und keine Lust mehr hatte, weiterzugehen. Denn wenn man sich dazu entschließt, sich auf den Weg zu seinem wahren Kern zu begeben und all die Jacken sowie Masken abzulegen, dann ist das alles andere als ein Zuckerschlecken.


Denn das Ego möchte am liebsten, dass alles so bleibt, wie es ist und geht in den Widerstand. Und wenn man anfängt, sich mit seinen Schatten auseinanderzusetzen, erfordert das viel Kraft und auch Mut. Wenn dann auch noch die MS mit ihren Symptomen um die Ecke kommt, dann möchte man manchmal einfach alles hinschmeißen. Doch lass dir gesagt sein: Gib nicht auf, es lohnt sich so sehr, weiterzugehen und zu vertrauen, dass du auf dem richtigen Weg bist.


In diesen zwei Jahren, habe ich gelernt, mich wieder mehr mit meiner Intuition zu verbinden. Und so habe ich meinen Job bei der Botschaft gekündigt, um freiberuflich zu arbeiten. Dadurch kann ich mir meine Zeit so einteilen, wie es für mich und meinen Körper am besten ist. Vor der Diagnose hätte ich diesen Job niemals aufgegeben. Denn damals war das noch mein Traumjob und der Job, der perfekt auf dem Lebenslauf aussieht. Der Job, für den ich das Studium gemacht hatte. Doch ich hätte mir niemals eingestanden, dass diese Arbeit mich eigentlich unglücklich macht. Dank der MS habe ich jedoch gelernt, für mich einzustehen und trotz der Bedenken meiner Familie zu meiner Entscheidung für die Freiberuflichkeit zu stehen.


Außerdem habe ich vor drei Monaten meine Medikamente abgesetzt, obwohl mein Neurologe mir noch stärkere Medikamente verschreiben wollte. Doch in mir hat sich das einfach nicht richtig angefühlt. Ich habe unter den Nebenwirkungen gelitten und habe Medikamente genommen, die vielleicht meine MS ein Stück heilen, dafür aber andere, teilweise viel schlimmere Krankheiten, hervorrufen können. Und weißt du was? Vor meiner Diagnose hätte ich mich niemals getraut, meinem Arzt zu widersprechen und diese innere Stimme, die sagt, dass es für mich einen anderen Weg gibt, unterdrückt. Ich hätte brav getan, was man von mir erwartet und auch meiner Familie und Freunden zu Liebe weiterhin die Medikamente genommen. Ich hätte mal wieder die Wünsche anderer vor meine eigenen gestellt. Doch damit war jetzt Schluss!


Dieses Leben und jeder Augenblick ist ein Geschenk


Deshalb kann ich es heute einfach nicht anders sagen: Meine Krankheit war ein unglaublich wertvolles Geschenk für mich. Denn sie hat mich wachgerüttelt (und tut es immer noch). Sie hat mir gezeigt, wie kostbar und einzigartig dieses Leben, mein Leben – unser aller Leben – ist. Vorher bin ich jeden Tag ganz selbstverständlich aufgestanden, habe mich über dies und jenes beschwert und den Alltag gelebt. Doch heute bin ich für jeden Tag dankbar. Ich bin dankbar, dass ich einen weiteren Tag erleben darf und dass ich alle meine Beine, Arme usw. bewegen kann, um das Leben zu spüren und durch den Tag zu tanzen.


Natürlich macht so eine Diagnose Angst und man weiß nicht, was die Zukunft bringt. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, dann weiß das keiner. Ob mit Krankheit oder ohne. Kein Mensch weiß, was morgen, übermorgen, in einem Jahr, in fünf Jahren oder gar in ein paar Minuten passieren wird. Diese Sicherheit, nach der so viele streben und von der so viele denken, dass sie sie haben, ist eine Illusion. So hart es klingen mag, aber keiner von uns weiß, ob wir morgen noch einmal aufwachen dürfen, um dieses wundervolle Leben weiterzuleben.



Für mich hat es nun einmal diese Diagnose gebraucht, damit ich aufwache und das wieder erkenne. Und dafür bin ich so unglaublich dankbar. Durch die MS feiere ich das Leben und jeden Augenblick. Denn jeder Augenblick ist ein Geschenk. Ich möchte mir ein Leben erschaffen, dass mich erfüllt und nicht einfach im Strom mitschwimmen und Teil des Hamsterrades sein.


Deswegen möchte ich dir heute sagen, dass auch du ein Geschenk bist. So, wie du bist, bist du genau richtig. Dich gibt es kein zweites Mal auf dieser Welt. Dieter Lange hat einmal gesagt: „Du wurdest als Original geboren, also bitte stirb nicht als Kopie!“. Nimm dir diese Worte bitte zu Herzen. Feier dich und deine Einzigartigkeit, lass dir von niemandem erzählen, was du kannst oder nicht kannst. Setze dir keine Grenzen, denn: Alles ist möglich. Dir wurde dieses Leben geschenkt, also pack dieses Geschenk auch aus. Denn am Ende des Lebens zählt nicht, welche Karriere du gemacht hast, wie groß dein Haus ist, wie viel PS dein Auto hat, welche Kleidergröße du trägst, wie viel Geld du auf deinem Bankkonto hast oder oder oder ...


Das einzige, was zählt und was bleibt sind die Spuren der Liebe, die du hinterlässt und welche Seelen du berührt hast.

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©2020 by Julia Wagner