• kleiner Wachrüttler

Mit einem Bein im Hamsterrad

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ - Molière


Der Wecker klingelt morgens, ich drücke auf Snooze und bei dem Gedanken an den heutigen Tag auf der Arbeit drehe ich mich nochmal um. „Ich will nicht!!!,“ denke ich mir. Am liebsten würde ich mit dem Gedanken aufstehen können, heute meine Freiberuflichkeit ausleben, im Café arbeiten und mein eigenes Ding machen zu können. Doch stattdessen schäle ich mich nach dem achten Mal „Snooze-Drücken“ aus meinem warmen Bett.


Auf dem Fahrrad komme ich langsamer als sonst voran, als würde sich etwas in mir sträuben, den Weg zur Arbeit zu fahren. Im Büro angekommen, nimmt der tägliche Wahnsinn schnell seinen Lauf und nachdem mir verkündet wird, dass ein Text - nachdem ich ihn unter Hochdruck innerhalb von zwei Stunden aufs Papier gebracht habe - doch auf Deutsch statt auf Französisch geschrieben werden muss, möchte ich am liebsten meinen Stift fallen lassen und einfach gehen. Einfach gehen und endlich den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, egal wie viel Angst ich noch habe. Doch was mache ich? Ich bleibe brav sitzen, reiße mich zusammen, schlucke den Ärger sowie die Frustration runter und schreibe den Text auf Deutsch um.


Innerlich frage ich mich immer noch: „Was mache ich hier eigentlich?“ Mir wurde dieses wunderbare Leben mit so vielen Möglichkeiten geschenkt. Noch dazu wurde mir mein kleiner Wachrüttler geschickt, der mir einmal mehr vor Augen geführt hat, worum es hier auf der Erde eigentlich geht. Aber trotzdem stehe ich immer noch mit mindestens einem Bein im Hamsterrad.

Im Grunde habe ich erkannt, dass ich aktuell in die falsche Richtung gehe, doch ich ändere meinen Kurs nicht. Und warum?


Mein kleiner Wachrüttler springt hoch und runter, schüttelt den Kopf und verzweifelt nur noch. Mein Körper schickt mir nacheinander alle möglichen Warnsignale: alte Symptome, neue Symptome, Kopfschmerzen, Fatigue und jetzt auch noch schlechte Blutwerte.

Meine weißen Blutkörperchen, die sie bisher brav über der kritischen Grenze bewegt haben, sind jetzt unter diese Grenze gesunken. Nächste Woche steht ein neuer Termin zur Blutabnahme an, der darüber entscheiden soll, ob wirklich Grund zur Sorge besteht oder eben nicht. Allein bei dem Gedanken daran wird mir schlecht, ich werde traurig, nervös, in meinem Brauch zieht sich alles zusammen, meine Kehle wird enger, der Atem wird schneller und es kündigen sich Horrorszenarien in meinem Hinterkopf an. Doch was mache ich?

Ich schlucke es runter, schiebe es in irgendeine entfernte Ecke meines müden Körpers und mache einfach weiter.


Tief in mir weiß ich, dass ich einen großen Warnschuss durch diese Diagnose erhalten habe. Mir wurde auf einmal bewusst, dass dieses Hinterherrennen und Verherrlichen der großen Karriere und des vielen Geldes alles andere als Erfüllung bringt, nicht meinem eigentlichen Wesen entspricht und eine Illusion ist.


Klar, ich habe mir dann eine Auszeit genommen, Zeit für mich, doch hatte so oft ein schlechtes Gewissen und habe mir unzählige Gedanken gemacht. Ich dachte so oft, dass ich jetzt eigentlich durchstarten sollte. Und dann kam die Stellenanzeige für meinen aktuellen Job. Ich hätte die Möglichkeit, jeden Tag Französisch zu sprechen. DAS IST MEINE STELLE ... dachte ich mir damals zumindest. Ich tat alles dafür, um genau diese Stelle zu bekommen: eine beeindruckende Bewerbung schreiben, von einer Freundin aus Frankreich korrigieren lassen, meditieren, visualisieren, manifestieren, Bewerbungsgespräch rocken ... und ich bekam meine „Traumstelle“ (wie ich sie damals euphorisch taufte). Ich war voller Euphorie und Vorfreude auf die Arbeit dort. Wenn ich Freunden und Bekannten davon erzählte, waren sie alle beeindruckt und gratulierten mir, ja manche waren sogar etwas neidisch.


Doch dann kam ziemlich schnell die bittere Ernüchterung und es kostete mich jeden Tag wieder große Überwindung, überhaupt zur Arbeit zu gehen. Ich erkannte, dass eine toll klingende Stellenausschreibung noch lange nicht sagt, dass der Job auch genauso toll ist. Der Stress nahm immer mehr zu und proportional dazu auch meine Symptome. So folgte die erste Krankschreibung, der Verdacht auf einen dritten Schub, ein neues MRT mit ein bis zwei neuen Entzündungsherden und eine zweite Krankschreibung. Und jetzt?


Jetzt sitze ich hier und schreibe diesen Text. Mittlerweile kann ich nicht mehr anders, ich weiß, dass ich das mit der Freiberuflichkeit versuchen möchte. Doch anstatt auf mein Herz zu hören, zu vertrauen und es einfach zu tun, denke ich noch darüber nach, dass es ja gut auf dem Lebenslauf aussieht, dass es mein dritter Job in einem Jahr nach dem Master ist, dass eine neue Praktikantin im Januar eingearbeitet werden muss und dass ich die Leute dort nicht im Stich lassen kann.

Ich bin wieder nur im Außen und sorge mich um die anderen. Es geht nur darum, was andere denken könnten, wie es von außen aussieht/wirkt und ob andere unter meiner Entscheidung leiden könnten.


Doch wo bleibe ich da? Wo bleibt mein Seelenwunsch? Wo bleibt die MS? Wo bleibt meine Gesundheit?

Sollte das nicht an erster Stelle stehen? Hatte ich denn doch nichts in dem vergangen Jahr seit meiner Diagnose gelernt?

Ich verstehe mich selber nicht. Ich stehe mir – mal wieder – komplett selbst im Weg.

Meine Gesundheit und dieses Geschenk des Lebens gibt es nur EIN MAL. Den heutigen Tag gibt es nur EIN MAL. Mich als Mensch, als Julia gibt es so nur EIN MAL.

Einen Job, der die Rechnungen bezahlt, gibt es UNZÄHLIGE MALE.


Doch irgendetwas ist da in mir, was mich zurückhält. Es ist, als würde ich über eine Hängebrücke einen tiefen Abgrund überqueren und vor mir liegt ein wunderschöner blauer Strand mit strahlender Sonne. Hinter mir liegt der graue, dunkle Wald und Teile der Hängebrücke sind schon in den Abgrund gestürzt. Der Weg nach vorne ist der einzig logische, sinnvolle, gesunde und offensichtliche. Doch paradoxerweise zieht ein Anteil in mir mich zurück. Zurück in den ungemütlichen Wald, der mich unglücklich und unerfüllt macht. Doch er ist auf gewisse Weise vertraut und das noch so schöne Meer ist voller Ungewissheit und ich weiß nicht, was dort auf mich wartet. Ich weiß nicht, was dort mit mir passiert.



Im Wald weiß ich das ja. Doch das ist der größte Blödsinn, den ich mir da erzähle.

Ich weiß GAR NICHTS. Selbst in dem Wald kann jederzeit etwas Unbekanntes und Neues passieren und wer garantiert mir, dass ich den nächsten Tag überhaupt erleben darf.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich durch diese Krankheit, die wie Russisch Roulette ist und bei der ich von heute auf morgen meine Beine nicht mehr bewegen könnte, wenigstens den Rest meines Lebens kontrollieren möchte. Doch egal, wie sehr ich das auch will und versuche, ich kann NICHTS kontrollieren. Außer meine Gedanken und Entscheidungen.


Deshalb entscheide ich mich FÜR mich und FÜR mein Leben in Fülle. Egal, wie viel Angst ich davor habe und auch wenn das alles schief gehen kann. Der Status Quo macht mich alles andere als glücklich und schadet meiner Gesundheit. Wenn ich mein eigenes Glück, Schicksal, Leben (oder wie auch immer du es nennen magst) nicht in die Hand nehme, wird es keiner tun. Ich habe die Wahl, ob ich am Ende meines Lebens sagen werde: „Ich habe gelebt und bin meinen Träumen gefolgt. Dadurch habe ich die wunderschönsten Strände entdeckt.“ Oder: „Ich habe einen auf sicher gemacht, bin bei dem geblieben was ich kenne und frage mich aber häufig ‚Was wäre gewesen wenn? Wie wäre das Leben an dem schönen Strand wohl gewesen‘“.



Wir alle haben es in der Hand. Ich entscheide. Du entscheidest. Wir alle entscheiden und sind für die Gestaltung unseres Lebens verantwortlich. Ob Beruf, Beziehung oder andere Lebensbereiche: Es ist, wie Molière bereits feststellte: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ Der Schlüssel zur Veränderung, wenn ich unglücklich bin, liegt immer in meiner Hand, ich muss ihn nur auch zum Einsatz bringen. Sonst bleiben die Türen, hinter denen sich neue Möglichkeiten befinden, für immer geschlossen.

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©2020 by Julia Wagner