• kleiner Wachrüttler

The importance of being sad

Aktualisiert: 14. Feb 2019

Mit diesem Blog und durch diese Texte möchte ich dir Mut machen. Ich möchte dir zeigen, dass die Diagnose MS und Schicksalsschläge im Allgemeinen auch eine Chance darstellen können, die du nur ergreifen musst. Ich möchte, dass dies ein Raum für Positivität, Optimismus und Zuversicht ist. Auch ich würde von mir sagen, dass ich so oft versuche, das Positive zu sehen und nicht aufzugeben. Dadurch bezeichnen mich viele aus meiner Familie und auch meine Freunde oft als „Sonnenschein“.


Doch auch ein Sonnenschein ist auch mal traurig, schlecht drauf oder malt alles nur noch schwarz. Ich weiß, wie wichtig es ist, positiv zu sein, dankbar zu sein, dass es mir trotz der MS so gut geht und daran zu glauben, dass alles gut wird. Ich habe Bücher gelesen, in denen über die Macht des positiven Denkens berichtet wurde, Studien angeführt wurden und darauf hingewiesen wurde, dass die eigenen Gedanken die Genesung viel stärker beeinflussen als man denkt. Das ist mir alles klar und ich gebe wirklich jeden Tag mein Bestes. Aber hey, auch ich bin nur ein Mensch. Wir alle sind nur Menschen. Und zum Menschsein gehört nun auch mal dazu, dass man an manchen Tagen nicht so gut drauf ist und manchmal auch einfach wieder in dieses Loch, in dem man ziemlich lange nach der Diagnose saß, hineinfällt.



Es ist schon paradox, dass sich alle Menschen um mich herum so freuen, wie positiv ich mit der Diagnose umgehe. Sie sagen: „Ich könnte das niemals, wenn ich an deiner Stelle wäre!“ oder: „Du bist so eine starke Frau, du lässt dich einfach nicht unterkriegen.“ Auch meine Eltern gestehen mir: „Wir sind wirklich froh, dass du so gut mit der Diagnose umgehst und dich nicht hängen lässt!“ Versteh mich bitte nicht falsch, es freut mich, das zu hören, aber manchmal könnte ich innerlich auch schreien und antworten: „Weißt du eigentlich wie viel Kraft und Energie mich das kostet???!!“

Es gibt so viele Momente, in denen ich am liebsten alles hinschmeißen würde, in denen ich eine Sch** Angst habe. So viele Augenblicke kurz nach dem Aufstehen, an denen ich am liebsten einfach im Bett bleiben würde, weil ich schon vor dem Zurückschlagen der Bettdecke all‘ meine Symptome und die Fatigue merke. Da hat mein Tag noch nicht mal begonnen und ich fühle mich schon jetzt wie vom LKW überrollt und dann soll ich auch noch positiv und gut drauf sein?!


Die Leute sehen oft nur die äußere Schale und das Lächeln auf deinem Gesicht, doch keiner sieht die unzähligen inneren Kämpfe, die du gerade in dir austrägst. Keiner hört die Stimmen in deinem Kopf die miteinander kämpfen. Da ist der fiese innere Kritiker, der dich anschnautzt: „Jetzt hab‘ dich mal nicht so, andere haben Krebs oder sitzen im Rollstuhl!“ Aber zum Glück gibt es auch den kleinen Wachrüttler: „Dein Körper zeigt dir doch ganz deutlich, dass es nicht mehr geht, gönn dir doch bitte endlich eine Pause und denke an deine Gesundheit!“

Zähne zusammenbeißen, lächeln und so tun, als wäre alles super – das habe ich ziemlich früh gelernt und kurz nach der Diagnose zur Perfektion getrieben.

Manchmal scheint es mir so, als wäre es gesellschaftlich nur akzeptiert, immer fröhlich zu sein und positiv zu denken. Gerade wenn man wie ich so viele Bücher über Persönlichkeitsentwicklung liest, meditiert und daran glaubt, dass alles gut wird. Doch wer hat sich eigentlich diese ungeschriebene Regel ausgedacht? Kein Mensch, aber wirklich KEIN Mensch auf dieser Welt kann NUR positiv und fröhlich sein. Das geht nicht und ist auch bestimmt nicht gesund. Man braucht im Leben stets beides: Tag und Nacht, gut und böse, hell und dunkel, schwarz und weiß und somit auch Fröhlichkeit und Traurigkeit.

Wenn du fröhlich und gut gelaunt bist, freuen sich alle um dich herum und lassen dich fröhlich sein, doch wenn du mal nicht so gut drauf bist und weinen musst, dann lassen sie dich komischerweise nicht in Ruhe. Dann möchte dich auf einmal jeder sofort trösten und du darfst dir obendrein noch anhören, dass du es positiv sehen sollst und alles gut wird. Mir geht es ja, ehrlich gesagt, genauso, wenn ich Familienmitglieder oder Freunde weinen sehe. Wir lieben diese Menschen und wollen sie nicht leiden sehen. Doch mittlerweile glaube ich, dass genau dort der Fehler liegt.


Die Traurigkeit in dir muss und will raus, sie darf da sein, sie darf sich ausdrücken und sie darf sich zeigen. Sie ist wichtig. Denn wenn wir traurig waren, können wir auch wieder glücklich sein. Traurigkeit wird immer als so etwas Negatives gesehen, doch Laura Malina Seiler hat mal gesagt: „Tränen sind das Scheibenwischwasser unseres Herzens.“ Ist das nicht ein wunderschönes Bild? 


Wir gehen durch das Leben, sind stark, positiv und meistern jeden Tag sowie unseren Alltag. Dabei sammeln sich jedoch auch kleine Verletzungen, Momente der Schwäche, des Zweifelns und der Traurigkeit an und irgendwann ist unser Herz zu voll davon und muss eben mal wieder den Scheibenwischer anschmeißen, damit wir wieder leichter und klarer durchs Leben gehen können.


Weinen und Tränen sind etwas Wunderbares und genauso wertvoll wie ein Lächeln. Denn Traurigkeit ist am Ende Energie und Energie will und muss fließen. Wenn wir die Traurigkeit also runterschlucken, dann blockieren wir Energie in unserem Körper, die irgendwo tief in uns vergraben und angesammelt wird. Und genau darin besteht die große Gefahr. Denn dieser Berg an nicht geflossener Energie wird sich früher oder später entladen und zwar in den verschiedensten Formen: Verspannungen, Krankheiten, Kopfschmerzen, Nervenzusammenbrüche, Burn-out und und und.

Während wir also denken, dass wir stark sind und uns super zusammenreißen können, wenn wir die Tränen und den Klos im Hals runterschlucken, dann sind wir eigentlich genau das Gegenteil. Wir verschließen uns vor einem Teil in uns und lassen uns selbst nicht so sein, wie wir sind. Etwas in uns darf sich nicht ausdrücken, darf einfach nicht sein.

Wahre Stärke ist, wenn wir auch diese Momente der Traurigkeit ausleben und zeigen können, wenn wir uns verletzlich und auch mal hilflos zeigen.


In dieser Hinsicht können wir uns alle ein Beispiel an Kindern nehmen. Kinder reißen sich nämlich noch nicht zusammen, sie lachen, wenn sie fröhlich sind und weinen, wenn sie traurig sind. Und meistens sind sie auch nie lange traurig. Denn wenn man die Tränen direkt zulässt, kann sich unser Körper von diesen traurigen Gefühlen befreien und die Tränen vergehen auch wieder. Kein Gefühl ist für immer.


Und ich weiß, dass genau das am Anfang so schwer ist. Irgendwann in unserem Leben – wahrscheinlich beim Übergang von Kind zum Erwachsenen – haben wir gelernt, dass man Traurigkeit nicht zeigen sollte und den Glaubenssatz verinnerlicht, dass Traurigkeit Schwäche bedeutet.

Doch diesen Glaubenssatz können wir alle wieder umdrehen und mit jedem Moment, in dem wir unsere Tränen, unsere Verzweiflung und Aussichtslosigkeit auch mal zulassen, werden wir danach merken, wie gut uns das getan hat und so können wir Stück für Stück etwas Neues lernen: Nämlich dass Traurigkeit auch zum Leben gehört und es so befreiend sein kann, auch mal traurig zu sein.


In diesem Sinne: Ein Hoch auf das Scheibenwischwasser unserer Herzen :) !

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