• kleiner Wachrüttler

Von der Angst, die Basistherapie abzusetzen und deinen eigenen Weg zu gehen

Aktualisiert: Feb 14

„Immer, wenn wir das tun, wovor wir uns fürchten, holen wir uns jene Macht zurück, welche die Angst uns genommen hat – denn die Kehrseite unserer Angst ist unsere Stärke.“ – Robin Sharma, Die Geheimen Briefe des Mönchs, der seinen Ferrari verkaufte


Mittlerweile ist es fast fünf Monate her, dass ich meine Basistherapie abgesetzt habe. Warum ich mich dazu entschieden habe, habe ich euch bereits in meinem vorletzten Blogpost erklärt. Und diejenigen von euch, die mir auf Instagram folgen, wissen auch, dass mir diese Entscheidung nicht so leicht gefallen ist, doch heute kann ich sagen: Es war die beste Entscheidung und ein Befreiungsschlag.



Seitdem haben mich viele Nachrichten von anderen MSlern erreicht, die auch mit dem Gedanken

spielen, ihre Basistherapie abzusetzen oder sich mit ihren Medikamenten nicht wohl fühlen. Und

wisst ihr, was eigentlich alle von ihnen gemeinsam haben? Sie haben Angst. Angst, ihr Medikamente abzusetzen. Angst, dass es dadurch schlimmer wird. Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Angst, die Kontrolle zu verlieren.


Das kann ich nur zu gut verstehen und nachvollziehen, denn mir ging es genauso. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch heute manchmal noch solche Gedanken und manchmal holt mich die Angst wieder ein. Doch weißt du was? Das ist vollkommen normal. Denn so eine chronische Krankheit macht einem Angst. Du weißt einfach nie, was in ein paar Monaten, Wochen oder sogar Stunden sein wird. Aber das weißt du weder mit noch ohne Medikamente. Und am Ende weiß es niemand von uns. Auch diejenigen, die keine chronische Krankheit oder Ähnliches haben, wissen nicht, was die Zukunft für sie bereithält. Doch so eine chronische Krankheit erhöht natürlich die Wahrscheinlichkeit und macht einem noch einmal viel deutlicher bewusst, dass wir das Leben nicht kontrollieren können.


Doch was ist, wenn du seit einiger Zeit oder vielleicht auch schon Jahren eine Basistherapie machst, unter den Nebenwirkungen leidest und sich das einfach nicht richtig anfühlt?


HABE DEN MUT, AUF DEIN GEFÜHL ZU HÖREN


Wenn du zum ersten Mal mit dem Gedanken spielst, deine Basistherapie abzusetzen, dann ist das meistens sehr angsteinflößend. Denn du hast bisher brav jeden Tag deine Tabletten genommen, dir die Spritzen gegeben oder bist regelmäßig zur Infusion zu deinem Neurologen gegangen. Wie sollte es auch anders sein? Nachdem du die Diagnose Multiple Sklerose erhalten hast, spricht dein Arzt meistens sofort von einer Basistherapie. Das ist heutzutage einfach der logische Schritt. Und weil so eine Diagnose an sich schon so viel in dir aufwühlt und du nicht mehr weißt, wo du gerade stehst, tust du natürlich, was man dir sagt und empfiehlt. Denn es machen ja alle so und der Arzt wird schon wissen, was gut ist.


An dieser Stelle möchte ich noch einmal unterstreichen, dass ich nichts gegen eine Basistherapie einzuwenden habe. Ich bin froh und dankbar, dass es heute Medikamente gibt und dass die Forschung immer weiter voranschreitet. Wenn es dir mit deinen Medikamenten gut geht und du dich damit sicher fühlst, dann bleib dabei. Nur für mich war und ist es einfach nicht der Weg, weshalb ich sie abgesetzt habe. Eine Sache solltest du bei diesem Thema nämlich nie vergessen: Wenn es um Krankheit und Heilung geht, gibt es nicht DEN einen Weg. Jeder muss schauen, was sich für ihn oder sie richtig anfühlt und dementsprechend handeln. Doch wenn du dich mit der Basistherapie nicht wohl fühlst und nach Alternativen suchst, möchte ich dir mit diesem Artikel gerne versuchen, die Angst ein wenig zu nehmen und dich bestärken, auf deine Intuition zu hören. Denn es ist dein Körper, deine Gesundheit und dein Leben. DU entscheidest – nicht dein Arzt!


DER SCHNELLE GRIFF ZU TABLETTEN


Und da wären wir auch schon bei einem sehr wichtigen Punkt. Denn natürlich sind die meisten MSler keine Ärzte und kennen die auch nicht Materie in- und auswendig. Deshalb konsultieren wir einen Neurologen und vertrauen uns ihm oder ihr an. Denn es ist schließlich ihr Job und sie werden schon wissen, was gut für einen ist. Doch meine Meinung nach ist das Problem in der westlichen Welt, dass wir zu schnell zu Tabletten und Medikamenten allgemein greifen. Du hast Kopfschmerzen? Nimm doch eine Aspirin. Du möchtest verhüten? Hier hast du die Pille. Du hast Verdauungsbeschwerden? Kein Problem, ich verschreibe dir was. Und in gewisser Weise ist das ja auch gut und die Menschheit wäre ohne Medizin nicht da, wo sie heute ist. Aber ich glaube, dass es gerade bei chronischen Krankheiten um etwas viel Tieferliegendes geht.


Ich glaube, dass mir mein Körper und meine Seele etwas sagen möchten, dass sie schon lange versucht haben, mir zu sagen, dass ich aus dem Gleichgewicht bin, doch ich wollte einfach nicht zuhören. Ich glaube, dass diese Krankheit aus meinem Inneren entstanden ist. Doch indem ich Medikamente oder Spritzen nehme, versuche ich, etwas, das von innen kommt, von außen zu lösen. Dann entscheide ich mich für die „bequemere“ Variante und lasse die Tablette den Job machen, anstatt mich selber auf den Weg zu machen und nach innen zu schauen.


Hinzu kommt, dass diese Medikamente natürlich keine Aspirin oder Magentabletten sind. Es handelt sich um deutlich stärkere Medikamente, die mit teilweise sehr starken und unangenehmen Nebenwirkungen daherkommen. Und es sind gerade diese Nebenwirkungen, die uns neben den Symptomen durch die MS den Alltag erschweren und uns jedes Mal aufs Neue an unsere Krankheit erinnern. Jedes Mal, wenn ich im Büro wegen Tecfidera einen Flush hatte, musste ich meinen erstaunten Kollegen eine Erklärung liefern. Meistens war es dann auch noch ein Tag, an dem es eh schon in meinen Händen kribbelte und ich auf meinem linken Auge mal wieder verschwommener sah. Da war so ein Flush und diese innere Hitze wirklich das Letzte, was ich gebrauchen konnte ...


Und vielleicht geht es dir genauso. Vielleicht bist du es einfach leid und denkst dir, dass es doch auch anders gehen musst. Vielleicht hast du auch schon mit deiner Familie, Partner/Partnerin, Freunden, Arzt usw. darüber gesprochen, doch sie haben dich dann doch wieder umgestimmt.


LASS DICH NICHT VON DEN MEINUNGEN ANDERER BEEINFLUSSEN


Diese Situation kenne ich nur allzu gut. Viele Menschen in meinem Umfeld, mit denen ich vor dem Absetzen meiner Medikamente über meine Gedanken gesprochen habe, wollten mir diese Idee am liebsten sofort ausreden. Falls das bei dir auch so sein sollte, vergiss bitte nicht, warum sie das tun. Diese Menschen lieben dich und wollen nur das Beste für dich. Gerade dein Partner und deine Eltern haben Angst, dich zu verlieren und sehen die Basistherapie als Sicherheit und als eine Art Garantie, dass alles besser wird.



Doch sie wissen natürlich auch nicht, wie es sich für dich damit anfühlt. Sie stecken nicht in deiner Haut und müssen tagein, tagaus mit dieser Krankheit und den Nebenwirkungen leben. Falls du auch schon mit deinem Arzt und/oder Neurologen gesprochen haben solltest, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie nicht sehr begeistert von deiner Idee sind. Mein Neurologe war alles andere als euphorisch, als er von meinen Plänen hörte, gerade weil mein MRT nicht besonders positiv ausgefallen war – und das trotz Tecfidera. Er sagt mir ganz klar und deutlich, dass er mir angesichts der Faktenlage davon abraten würde. Doch er fügte noch einen sehr wichtigen Satz hinzu: „Am Ende ist es Ihre Entscheidung und wir unterstützen Sie natürlich auch, wenn Sie Ihre Basistherapie absetzen.“


Leider reagieren allerdings nicht alle Ärzte so verständnisvoll. Andere jagen ihren Patienten vielmehr Angst ein und machen die Situation damit noch viel schlimmer. Wenn genau das bei dir der Fall ist, möchte ich dir sagen: Versuche, dich bitte nicht davon beeinflussen zu lassen. Ich weiß, es ist schwer, denn er ist dein Arzt und es ist sein Spezialgebiet. Doch dein Arzt ist nicht derjenige, der mit der Krankheit leben muss. Er weiß nicht, wie es in dir aussieht und er kann und darf nicht für dich entscheiden. Ein Arzt sollte wie dein Berater und Wegbegleiter hin zur Heilung sein, doch leider sieht die Realität heute oft anders aus und wir haben oft das Gefühl, dass wir tun müssen, was die Ärzte sagen. Deshalb bitte ich dich: Hör auf dich und gehe deinen Weg, triff die Entscheidung, die sich für dich richtig und stimmig anfühlt.


DAS ABSETZEN DER MEDIKAMENTE IST KEINE EINBAHNSTRAßE


Und vergiss nicht: Das Absetzen der Basistherapie ist auch nie eine endgültige Entscheidung. Natürlich kannst du jederzeit wieder damit anfangen, wenn du merkst, dass es dir ohne Medikamente doch nicht gut geht oder wenn die Krankheit schnell voranschreitet – was ich dir natürlich nicht wünsche. Doch gerade wenn du jetzt noch jung bist, ist jetzt die beste Zeit, es auszuprobieren und zu schauen, wie es dir geht.


Wenn du dich jetzt immer noch etwas unsicher fühlst und Angst hast, möchte ich dir drei Tipps mit an die Hand geben, die mir geholfen haben, meiner Intuition zu folgen:


1. Finde eine Vertrauensperson

Auch wenn vielleicht viele Menschen in deinem Umfeld aus Sorge um dich gegen das Absetzen der Medikamente sind, wirst du mit Sicherheit immer eine Person finden, die dich unterstützt – egal, wofür du dich entscheidest. Triff dich mit diesem Menschen, telefoniere mit ihm oder ihr. Sprich alle deine Ängste und Zweifel aus, sprich über alles, was dich bewegt. Häufig hilft es, die ganzen Gedanken einfach mal auszusprechen, die einem die ganze Zeit im Kopf herumgeistern. Lass dich von deiner Vertrauensperson bestärken und ermutigen. Und gerade nachdem du die Medikamente dann vielleicht wirklich abgesetzt hast, kannst du dich immer wieder diesem Menschen anvertrauen und du hast jemanden, der dir jederzeit zur Seite steht. Dieser Mensch sollte auch nicht gleich in Panik geraten, wenn du dann doch mal wieder Symptome hast und wissen, dass das genauso mit Medikamenten hätte passieren können. Deine Vertrauensperson ist also wie dein Anker und Fels in der Brandung, denn sie hat verstanden, dass nur du deinen eigenen Weg zur Heilung finden kannst. Du musst da nicht allein durch!


2. Schreib deine Ängste auf

Wenn es um große Entscheidungen im Leben geht, dann denken wir häufig viel und lange über

alle Vor- und Nachteile nach. Doch dabei sind wir nur in unserem Kopf unterwegs. Für mich ist es dabei jedes Mal unglaublich hilfreich, meine Gedanken und Ängste zu Papier zu bringen. Denn

häufig sind sie dann gar nicht mehr so bedrohlich und einschüchternd – sie verlieren ihre Macht. Schreibe am besten einfach alles auf, was dich beschäftigt und frage dich bei jedem Punkt: „Ist es wirklich so?“. Hinterfrage die Stimme deiner Angst und glaube ihr nicht einfach alles, was sie dir erzählt. Wenn du noch einen Schritt weitergehen möchtest, dann verbrenne den Zettel am Ende und lasse somit sinnbildlich alle deine Ängste sich in Luft (bzw. Feuer) auflösen.


3. Kontrolliere regelmäßig den Verlauf

Eine wichtige Bedingung beim Absetzen von Tecfidera war für mich die Vereinbarung, dass wir regelmäßig Blut- und Verlaufskontrollen durchführen und weiterhin alle sechs Monate ein MRT machen. Denn mir war von Anfang klar, dass ich nicht einfach meine Medikamente absetzen will und mich dann nie wieder bei meinem Arzt blicken lassen wollte. Nein, ich wollte weiterhin beobachten, wie meine Krankheit verläuft. Denn auf diese Weise kannst auch du jederzeit deine Entscheidung überdenken, falls bei einem MRT herauskommt, dass die Krankheit doch sehr aktiv ist – was ich dir natürlich nicht wünsche. Die Entscheidung, deine Basistherapie zu beenden, ist keine endgültige – ein Grund mehr, den Schritt zu wagen und zu schauen, wie es dir und deinem Körper damit geht

GEH DEINEN EIGENEN WEG ZUR HEILUNG


Es gibt keine richtige oder falsche Entscheidung, wenn es um die Basistherapie geht. Genauso wie es keinen richtigen oder falschen Weg gibt. Es gibt nur deine Entscheidung und deinen Weg. Ich wünsche dir allen Mut und alle Kraft, deinen Weg zu gehen. Und ob mit oder ohne Medikamente: Es wird Höhen und Tiefen geben, Tage, an denen es dir mal nicht so gut geht. Doch das ist vollkommen in Ordnung und gehört dazu. Lass dich bitte nicht von dem ersten Rückschlag von deinem Weg abbringen, sondern gib dir und deinem Körper Zeit.


Den nicht an die anderen, sondern höre in dich hinein. Habe Mut, deiner Intuition zu folgen. Denn glaub mir, das ist der größte Befreiungsschlag für dich und dein Leben. Nimm deine Gesundheit selbst in die Hand und finden DEINEN eigenen Weg zur Heilung.





Zum Abschluss möchte ich dir noch die Worte von Robin Sharma aus dem Buch Die geheimen Briefe des Mönchs, der seinen Ferrari verkaufte mit auf den Weg geben:

Stelle dich deinen Ängsten

„Was uns im Leben behindert, ist die unsichtbare Architektur der Angst: Sie hält uns fest in unseren Komfortzonen, die in Wirklichkeit die unsichersten Orte sind, an denen wir leben können. Das größte Risiko des Lebens besteht darin, keine Risiken einzugehen. Doch immer, wenn wir das tun, wovor wir uns fürchten, holen wir uns jene Macht zurück, welche die Angst uns genommen hat – denn die Kehrseite unserer Angst ist unsere Stärke. Jedes Mal, wenn wir uns der Unbequemlichkeit des Wachsens und Voranschreitens aussetzen, werden wir ein Stück freier. Je mehr Ängste wir überwinden, desto mehr Macht gewinnen wir zurück. So werden wir furchtlos und mächtig zugleich; dann sind wir in der Lage, unsere Träume zu leben.“


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©2020 by Julia Wagner