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Wie mein Freund durch meine Diagnose die vermeintliche Kontrolle verlor

Aktualisiert: Mai 24

"I believe people are in our lives for a reason. We are here to learn from each other."

Gillian Anderson


(Dieser Artikel wurde von meinem Freund Patrick geschrieben.)


Es gibt Momente im Leben, in denen uns Dinge geschehen, die alles ändern. Sie stehen in Widerspruch zu allen Erwartungen und ändern damit in kürzester Zeit den Blick auf das Große und Ganze. Natürlich wissen wir, dass es diese Momente gibt, aber die grundlegende Annahme, dass es doch immer nur die anderen trifft, verwässert jegliche vorbereitende Erkenntnis. Kann man sich denn überhaupt auf solche Ereignisse vorbereiten? Und selbst wenn, kann es einen Nutzen haben, sich selbst auf Dauer einer Gedankenspirale zu überlassen, die sich mit dem möglichen Eintritt eines Schicksalsschlages befasst?


Wenn du glücklich sein willst, behalte die Kontrolle

Schon früh wird uns beigebracht, zu planen, zu strukturieren und zu antizipieren – den eigenen Lebensweg aktiv zu beeinflussen und zu formen ist für uns eine hohe Tugend. Eine Fähigkeit, die für uns oftmals ganz automatisch zu einer Definition von persönlichem Erfolg wird. Unser ganzes Leben begleitet uns die Annahme als Glaubenssatz, dass wir für Selbstverwirklichung und Glückseligkeit einfach nur die Kontrolle behalten müssen. Doch wie es sich anfühlt, wenn uns diese Illusion von Kontrolle entzogen wird, wissen wir alle. Sind wir selbst von solchen Ereignissen betroffen, versuchen wir sofort, die Kontrolle zurückzuerlangen.


Wenn die Kontrolle ins Wanken gerät

Eine besondere Situation entsteht, wenn einem Menschen aus unserem engeren persönlichen

Umfeld ein solcher Schicksalsschlag widerfährt diese Glaubenssätze erschüttert und auf die Probe stellt. Bei mir war es meine Freundin, meine Lebenspartnerin, deren Leben durch eine unvorhergesehene medizinische Diagnose durcheinandergebracht wurde. Die Diagnose einer schleichenden, chronischen Krankheit (Multiple Sklerose), deren Verlauf bei jedem Betroffenen unterschiedlich sein kann.


Gerade in der ersten Zeit entsteht durch all das ein Gefühl, gegen das wir eigentlich immer ankämpfen: Ungewissheit. Ungewissheit, was Schwere und zeitlichen Verlauf der Krankheit angeht, Ungewissheit, wer die Kontrolle behält – man selbst oder die Krankheit. Es liegt auf der Hand, dass ich mich in diesem Szenario nie als „indirekt“ Betroffenen gesehen habe. Auch wenn ich selbst nach wie vor körperlich gesund war, nahm die Krankheit unweigerlich auch in meinem Leben eine Rolle ein. Durch alle Lebenssituationen zog sich die Gewissheit, dass die Krankheit im Hintergrund „lauert“. Wann würden die nächsten Schübe, die nächsten Symptome auftreten? Wie sieht das gemeinsame Leben in einem Jahr aus? Schaffen wir das? Schaffe ich das?


Dem anderen die Last abnehmen wollen

In Situationen, in denen geliebte Menschen bspw. eine schwere ärztliche Diagnose erhalten, fällt oftmals aus dem engeren Umfeld dieses Menschen der Satz: „Hätte es doch mich getroffen, und

nicht dich.“ Doch wenn wir Schicksalsschläge eines anderen Menschen durch Selbstlosigkeit kompensieren möchten, spiegelt sich in dieser Äußerung nicht zuletzt der Reflex wider, doch noch Kontrolle über die Situation zu erlangen. Klar, der Schicksalsschlag ist da, das kann niemand mehr ändern. Aber wenn ich diese Bürde auf mich nehmen könnte, hätte ich die Möglichkeit, den anderen zu schützen und erspare ihm Ungewissheit, Schmerz und vielleicht viele andere negative Dinge. Ich kontrolliere so das Wie, nicht das Ob. Doch auch solche Überlegungen sind reine Theorie, die sich nicht in die Realität umsetzen lassen – was also könnte zu einer besseren Einordnung der Situation und möglicher Szenarien verhelfen?


Mit Zahlen versuchen, die Kontrolle zurückzuerlangen

Durch das Heranziehen von Zahlen und Statistiken versuchen wir gerade im Falle von medizinischen Diagnosen, die Erwartbarkeit verschiedener Szenarien abzusehen und stürzen uns wieder in die Spirale des verzweifelten Versuchs, über Erwartbarkeit zumindest teilweise die Kontrolle über die Zukunft wiederzuerlangen.


Wenn beispielsweise sieben von zehn Menschen durch die Einnahme eines bestimmten Medikaments heilende Wirkung erfahren, so schließen wir schnell darauf, dass hier die Rettung liegt. Doch vergessen wir zu schnell, dass diese Hoffnung auf einer statistischen Rechnung basiert, bei denen Erkenntnisse über eine Personengruppe gebündelt werden, was wiederum die eigene Erwartung der Zukunft beeinflusst. Doch was genau bedeutet es für mich, wenn die einzige Erkenntnis ist, dass sich im Falle der Verabreichung eines Medikamentes bspw. ein heilsamer Verlauf mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 % ergeben wird? Sichert mich diese Zahl in irgendeiner Form ab? So schwer es uns fällt, es zuzugeben, aber das tut sie nicht.


Die nüchterne Aussage einer solchen Wahrscheinlichkeitsrechnung drückt aus, dass 7 von 10 Menschen einen heilsamen, 3 von 10 Menschen jedoch einen letalen oder sonstig schädlichen Verlauf nehmen. Brechen wir diese statistische Erkenntnis aus der Makroebene auf die für uns in diesem Fall viel wichtigere individuelle Mikroebene runter, sind wir genauso ratlos wie zuvor, denn wir als Individuen kennen nur ein Szenario – unser eigenes. Welches dieser möglichen Szenarien eintritt, können wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit berechnen und in Zahlen ausdrücken, unser individuelles Schicksal wird für uns aber niemals eine statistische Kennzahl sein.


Manches kann man einfach nicht kontrollieren – und das ist ok

Doch wie kann ein nachhaltigerer Ansatz des Verständnisses von Kontrolle aussehen? Meiner Ansicht nach ist es die grundlegende Einsicht, dass sich gewisse Faktoren, wie bspw. der eigene Lebensstil, die eigene genetische Veranlagung oder aber auch die die Handlungen der Menschen nicht alle gleichmäßig kontrollieren lassen. Ich kann sehr wohl bewusst kontrollieren, wie ich mich ernähre, wie oft und wie intensiv ich Sport treibe etc., jedoch kann ich mir nicht aussuchen, welche genetischen Veranlagungen an mich weitergegeben werden oder welche Pläne mein Arbeitgeber mit meinem Arbeitsplatz hat.


Manches kann ich kontrollieren, manches beeinflussen und manche Dinge entziehen sich völlig meiner Gestaltungsabsicht. Wie die Grenzen zwischen diesen Unterscheidungen verlaufen, ist jedoch sehr unterschiedlich und kann für jeden Menschen unter Umständen grundlegend anders sein, was diesen differenzierten Ansatz natürlich komplex macht. Aber muss man diesen neuen Glaubenssatz immer anwenden, ihn verteidigen und ihn niemals anzweifeln?


Nein, ganz im Gegenteil. Es ist durchaus wichtig, ihn an manchen Tagen kritisch zu sehen, gar von ihm genervt zu sein und darf ihn auch mal verfluchen. Doch letztendlich können wir uns seiner Wirkung und seiner Gültigkeit nicht entziehen und wir ersparen uns durch seine Anerkennung mehr innere Konflikte als durch seine Ablehnung. Die Unvorhersehbarkeiten des Lebens auf Basis dieser Erkenntnisse zu akzeptieren kann so zu einem differenzierteren Bild von Einfluss und Kontrolle führen und somit, wie zu Anfang beschrieben, eine Definition von persönlichem Erfolg bleiben, nur eben nicht in absoluter Form. Wir müssen den Glaubenssatz der Kontrolle nicht umwerfen, sondern müssen ihn anders verstehen. Wenn wir uns bewusst vor Augen führen, dass das Eingeständnis der Kontrolllosigkeit paradoxerweise eine Form von Kontrolle ist. Denn umso schwieriger wiegen Schicksalsschläge, wenn sie im Falle des Eintritts auch noch unsere innersten Glaubenssätze dauerhaft zerstören und somit Gleichgültigkeit und Frust in unser Leben bringen.


Sich von diesem engen Verständnis von Kontrolle zu lösen, heißt nicht, untätig zu bleiben, sondern das zu akzeptieren, was eben nicht mehr geändert werden kann. Am Ende habe ich durch dieses Loslassen gelernt, mich nicht in Grübeln und Zweifeln zu verlieren, sondern meine Kraft in die wirklich wichtigen Dinge des Lebens fließen zu lassen. Wenn wir verstehen, was wir beeinflussen können und wir akzeptieren, was wir nicht beeinflussen können, erlangen wir Geduld und Verständnis, die wir für einen langen gemeinsamen Weg mit seinen Höhen und Tiefen brauchen.

©2020 by Julia Wagner